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Deutschklausur: Analyse von "Zur jüngsten Dichtung" (Kurt Pinthus, 1915)

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Klausur: Analyse von Kurt Pinthus "Zur jüngsten Dichtung" (1915) (Auszug)



Aufgabe:

Es handelt sich um einen expressionistischen Text, der unter folgender Aufgabenstellung bearbeitet werden sollte:
1) Analysieren Sie den Text, indem Sie aufzeigen, welchen Wandel im Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Kunst Pinthus in der Zeit des Expressionismus sieht. Achten Sie dabei auch auf die Wortwahl, formulieren Sie die Intention des Autors!
2) Verfassen Sie eine Zuschrift vom Standpunkt der Aufklärung her!!

Die jüngsten Menschen aber, nach 1900 sich entwickelnd, fanden sich wehrlos und ungeschützt hineingestellt in den schimmernden Zauber der abenteuerlichen Reisen, der freier sich bietenden Geschlechtlichkeit, der von geheimnisvollen Farben, Geräuschen und Gestalten schwirrenden und verwirrenden Straßen, Landschaften, Cafés und Vergnügungspaläste, der rätselhaften Fabriken, Maschinen und Bewegungsmöglichkeiten ... Sie stürzen sich, beherrscht vom rasenden Takt der mechanisch abrollenden Umwelt, mit wollüstigem Schrei in die "Welt neuer Wunder", verschwendeten sich entzückt an die Erscheinungen, ließen Sinne und Nerven lodern und zucken ... und dichteten Rausch, Spannung und Kater. Bis allmählich in der Seligkeit des Seins anklingend, dann posaunenhaft dröhnend die Erkenntnis aufschwoll: ... Wir sind! Und sind Menschen! Uns Menschen soll nicht die Welt sondern die Menschheit das Wichtige sein. "Die Welt fängt im Menschen an." (Werfel) ... "Uns dient die Erde nur, uns selbst zu sehen" (Wolfenstein) ... Alle unsere Wege sollen nicht weg von uns, sondern zu uns hin führen. Nicht wollen wir einen Mikrokosmos in die Welt, sondern den Makrokosmos in unseren Mikrokosmos hineinpojizieren und umgegbären. Von der Expansion hin zur Konzentration! Nicht Erschütterungen der Sinne, sondern Erschütterungen der Seele! Mit aufkeimender Einsicht: Wirklichkeit und Kunst seien nicht ein Abhängiges, Bedingtes, sondern (um es schärfstens zu formulieren) sie schlössen sich aus, beginnt die Epoche der jüngsten Kunst. Die Wirklichkeit, die starr und wild, mild und sanft uns umgibt, jene Wirklichkeit, die unsere Sinne lockt, ätzt, quält, entzückt, jene Wirklichkeit, von der wir nicht wissen, was eigentlich an sich sie ist, jenes uns ganz Fremde, das außer uns, ohne uns ist, Chaos, jenseits unseres geistigen Willens, in das mühsam wir Gesetze hineininterpretieren - und jene Kunst, die ganz und gar aus uns selbst strömt, die ganz in der Idee, in der von uns gegebenen Form lebt, also ganz und immer Schöpfung und Werk unseres Gefühls, Geistes und Willens ist ... was eigentlich haben sie miteinander gemein? ... Was anderes, als daß wir der Kunst Ausdrucksmöglichkeiten, Requisiten wie eine Haut abnehmen von den Erscheinungen, welche die Wirklichkeit unseren Sinnen darbietet, - um das der Wirklichkeit Fremdeste: Geist, Fühlen, Wollen einandern sichtbar zu machen. Die Wirklichkeit vom Umriß ihrer Erscheinung zu befreien, uns selbst von ihr zu befreien, sie zu überwinden nicht mit ihren eigenen Mitteln, nicht indem wir ihr entfliehen, sondern sie so umso inbrünstiger umfassend, durch des Geistes Bohrkraft, Beweglichkeit, Klärungssehnsucht, durch des Gefühls Intensität und Explosivkraft sie besiegen und beherrschen, ... das ist der gemeinsamste Wille der jüngsten Dichtung. Unter Wirklichkeit soll nicht etwa nur die Erscheinungswelt der Natur und der uns umgebenden, von uns selbst geschaffenen körperlichen Kulissen der Städte und der Erzeugnisse formender Technik verstanden werden, sondern vor allem das Gewirr unserer sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen und Einrichtungen. Aufgaben: 1) Analysieren Sie den Text, indem Sie aufzeigen, welchen Wandel im Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Kunst Pinthus in der Zeit des Expressionismus sieht. Achten Sie dabei auch auf die Wortwahl, formulieren Sie die Intention des Autors! 2) Verfassen Sie eine Zuschrift vom Standpunkt der Aufklärung her!!

1.) In dem Text "Zur jüngsten Dichtung" (1915) beschreibt Kurt Pinthus den Wandel im Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Kunst, den er in der Epoche des Expressionismus sieht. Der Text soll nun im Folgenden bezüglich dieses Wandels analysiert werden unter der Berücksichtigung der Wortwahl. Um die Zeit des Expressionismus zu verstehen, beschreibt Pinthus zu Beginn dieses Auszuges die Lage der Menschen. Er verwendet hierfür verhältnismäßig viele negative oder sogar pessimistische Umschreibungen wie "wehrlos" (Z.2), "ungeschützt" (Z.3) und "verwirrend" (Z.8). Somit ist klar ausgedrückt, dass es den Menschen nicht leicht fiel, sich zu orientieren, oder angepasst zu leben. Er führt dies auf die rasante Entwicklung der Industrie zurück, durch die völlig neue Möglichkeiten z.B. in der Bewegung ermöglicht wurden. Aus dem Grund, dass die Menschen mit der Zeit schwer zurecht kamen, flüchteten sie sich aus der Wirklichkeit ins Fiktionale, in die sogenannte "Welt neuer Wunder" (Z.14). Somit war für sie die Fiktion zur Realität geworden, die Kunst zur vorgegaukelten Wirklichkeit. Bis zu dem Punkt, an dem die Menschen merkten, dass sie selbst den Mittelpunkt der Welt darstellen: "Alle Wege sollen nicht weg von uns, sondern zu uns hinführen." (Z.27-28). Zu diesem Zeitpunkt war es nicht mehr länger die Kunst, die die Aufgabe hatte, die Menschen in den "Rausch" (Z.18) zu versetzen. Sie erkannten, dass die Wirklichkeit und die Kunst nichts miteinander zu tun hatten, dass sie sich sogar ausschließen (vgl. Z. 38). So versuchten die Menschen die Wirklichkeit zu erkennen und zu beschreiben, damit sie sie selbst gestalten können. Pinthus beschreibt diese Tatsache, dass die Menschen die Wirklichkeit nicht umfassend erkennen und erklären konnten mit einer Vielzahl von Gegensätzen: "gequält, entzückt" (Z.42), "starr und wild, mild und sanft" (Z. 40). Mit dieser Beschreibung wird dem Leser sofort klar, dass die Menschen die Wirklichkeit nicht erfassen konnten und dass sie "von [ihr] nicht wissen, was eigentlich an sich sie ist." (Z. 43-44). Sie sahen die Wirklichkeit als ein Extremes, nämlich als "Chaos" (Z.46), in das sie "mühsam [...] Gesetze hineininterpretieren" (Z.47-48). An dem Wort "hineininterpretieren" kann man schlussfolgern, dass diese aufgestellten Gesetzte also noch nicht einmal stimmen mussten. Die Menschen sehen die Kunst als absoluten Gegensatz zur Wirklichkeit, da die Kunst von den Menschen selbst kommt, "ganz in der Idee, in der von [ihnen] gegebenen Form lebt, [...]". (Z. 49-50). Im Gegensatz zur Wirklichkeit können die Menschen die Kunst verstehen und identifizieren sich daher auch mit ihr. Doch der Erkenntnisprozess der Menschen geht weiter. Pinthus beschreibt ihn mit einer selbstbeantworteten Frage: "was eigentlich haben sie miteinander gemein?" (Z. 53-54). Ursprünglich ja nichts, doch erfährt der Leser, dass man die Sprache der Kunst dafür verwendet hat, um die Ereignisse der Wirklichkeit zu beschreiben. Mit dem Erkennen, beziehungsweise Beschreiben der Wirklichkeit mit der Sprache der Kunst verstehen die Menschen die Wirklichkeit. Pinthus beschreibt diesen Prozess wieder einmal mit einem extremen Wort: "befreien" (Z.62). So sahen die Menschen die Wirklichkeit wie einen unterklärbaren Herrscher, dem sie "wehrlos" (Z.2) unterworfen waren und den sie mithilfe der Sprache der Kunst erklären und somit erkennen und ihm entfliehen konnten. So wird zum Ende dieses Auszuges eine Definition der Wirklichkeit gegeben, nachdem die Menschen sie beschrieben und erkannt haben: die Wirklichkeit besteht aus den Erscheinungen der Natur, aus den von den Menschen erschaffenen Werken und aus den Beziehungen politischer, wirtschaftlicher und kultureller, also auch künstlerischer Art. Die Kunst ist somit ein Teil der Wirklichkeit geworden. Die Intention des Autors besteht also demnach darin, dass er die Menschen auffordert, mithilfe der Kunst oder der Dichtung die Wirklichkeit zu beschreiben, damit sie verständlich und erträglich wird.

2.) An Kurt Pinthus Ich bin voll und ganz Ihrer Meinung, wenn Sie behaupten, dass die Kunst einen Rausch hervorruft, dass sie die Sinne vernebelt und den Blick für die Wirklichkeit verhüllt. Das Fiktionale kann die Wirklichkeit nicht ersetzen. Man muss die Wirklichkeit selbst erkennen und selbst darüber nachdenken. Daran kann auch, verehrter Pinthus, die Dichtung nichts ändern. Wenn Sie die Wirklichkeit verstehen wollen, rate ich Ihnen, verwenden Sie nicht die Dichtung dafür. Sie werden mir jetzt wohl entgegenhalten, dass Sie die Eindrücke nicht in Worte fassen können, ohne die Worte der Dichtung zu verwenden, doch glauben Sie mir: es ist möglich. Wenn Sie nun etwas sehen -ich spreche aus den Erfahrungen mit meiner Zeit- und dieses nicht verstehen, so habe ich wie folgt gehandelt: ich habe mir Zeit genommen und es mir angesehen, mit großer Sorgfalt. Ich habe gemessen, ich habe experimentiert und mir alle Zusammenhänge logisch erklärt. Und wenn ich es, manchmal erst nach einer sehr langen Zeit, verstanden habe, habe ich diese Gesetztmäßigkeit aufgeschrieben, für jeden lesbar, denn es sollen auch alle verstehen. Also habe ich keine Gefühle in diese Gesetztmäßigkeit geschrieben. Ich habe also als Fundament die Logik. Sie können natürlich jetzt zweifeln und sagen: wie können Sie keine Gefühle haben? Natürlich habe ich Gefühle. Wenn ich mir nach einer gewissen Zeit meine Gesetze noch einmal durchlese, bekomme auch ich Gefühle. Meistens schmunzle ich über die Tatsache, dass ich wirklich einmal dieses Gesetzt nicht verstanden habe, ich erinnere mich an die Zeit, in der ich daran gearbeitet habe und dies erweckt oft meine ganz persönlichen Gefühle. So erweitert sich in diesem Zeitpunkt meine objektive, logische Grundlage der Betrachtungsweise um meine subjektiven, emotionalen Empfindungen. Doch darf ich nie die Grundlage, die Basis aus dem Auge verlieren. Denn dann geht für mich das Fundament, das, woran ich mich festhalte, verloren. Ich fürchte, Pinthus, Ihnen ist der Halt verloren gegangen, doch Sie klammern sich an den falschen Halm. Er wird nicht halten, Sie brauchen festen Halt unter den Füßen. Ich rate Ihnen, befassen Sie sich mit der Lektüre antiker Schriftsteller. Nehmen Sie beispielsweise das Höhlengleichnis von Platon. Auch diese Menschen erkennen nur ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit, doch wenn man rein logisch mit Vernunft der Sache auf den Grund geht, erkennt man die Wirklichkeit in ihrem echten Wesen. Ich verspreche Ihnen, wenn Sie sich auf eine allgemeingültige Grundlage, nämlich die Logik, zurückbesinnen, brauchen Sie künftig nicht mehr von der Wirklichkeit als "Gewirr" zu schreiben. Sie brauchen noch nicht einmal Ihr Emotionen zügeln, doch sehen Sie immer das Fundament. Sie können sich die Freude gar nicht vorstellen, wenn Sie eine fremde Gesetzmäßigkeit lesen und feststellen, dass sie nicht stimmt. Auch ich bekomme regelrecht Glücksgefühle, wenn ich einen solchen Fehler entdecke. Wir wollen doch im Prinzip beide dasselbe: die Wirklichkeit erkennen und angemessen erklären können. Denn wenn Ihnen das gelingt, können Sie die Wirklichkeit auch selbst gestalten.
Inhalt
Es handelt sich um einen expressionistischen Text, der unter folgender Aufgabenstellung bearbeitet werden sollte:
1) Analysieren Sie den Text, indem Sie aufzeigen, welchen Wandel im Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Kunst Pinthus in der Zeit des Expressionismus sieht. Achten Sie dabei auch auf die Wortwahl, formulieren Sie die Intention des Autors!
2) Verfassen Sie eine Zuschrift vom Standpunkt der Aufklärung her!! (1568 Wörter)
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26.01.2002 von unbekannt
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