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Referat: Gedichtsinterpretation+Parallelgedicht: Schlechte Zeit für Lyrik- Brecht

Alles zu Bertolt Brecht  - Lyrik

Bertolt Brecht


"Schlechte Zeit für Lyrik"

"Ich weiß doch: nur der Glückliche
ist beliebt. Seine Stimme
hört man gern. Sein Gesicht ist schön.

Der verkrüppelte Baum im Hof
zeigt auf den schlechten Boden, aber
die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel,
doch mit Recht.

Die grünen Boote und die lustigen Segel des Sundes
sehe ich nicht.

Von allem sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.
Warum rede ich nur davon
dass die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?
Die Brüste der Mädchen
sind warm wie ehedem.

In meinem Lied ein Reim
käme mir fast vor wie Übermut.

In mir streiten sich
die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum
und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers.
Aber nur das zweite
drängt mich, zum Schreibtisch."

Einleitung:
Im folgendem habe ich das Gedicht "Schlechte Zeit für Lyrik" interpretiert und mich mit Bertolt Brechts Absichten beschäftigt. Ich starte mit einer kleinen Einführung in Bertolt Brechts Leben, der Bedeutung des Titels und der dazugehörigen Themenproblematik. Darauf folgt der Hauptteil, in dem ich versuche, die äußeren formalen und sprachlichen Aspekte, sowie den inhaltlichen Aspekt und seine Hintergründe aufzudecken. Anschließend eine Interpretation der jeweiligen Verse und abschließend folgt mein Fazit im Schlussteil.

1898 wurde Bertolt Brecht geboren und ist in guten Verhältnissen aufgewachsen. Er hat die sozialen und wirtschaftlichen Schwankungen und den Hitlerputsch miterlebt. Um 1920 äußert Brecht Kritik an sein gutbürgerliches Umfeld und den steigenden Wertvorstellungen. Dabei entsteht sein Interesse an der Form der Neuen Sachlichkeit. Durch seine zweite Frau, Helene Weigel wird er zum Kommunisten. 1935 flieht er aus Deutschland, kehrt 1948 nach Deutschland zurück und lebt bis zu seinem Tod 1956 im Osten Berlins.
Das Gedicht "Schlechte Zeit für Lyrik" gehört der Epoche der Exillyrik an und Bertolt Brecht schrieb es im Jahre 1939 aus seinem Exil in Dänemark. In dieser Zeit kam es zu einer allgemeinen Ernüchterung der Exilliteraten, da ihnen klar wurde, dass sie der Stärke der Diktatur und der literarischen Einschränkungen machtlos ausgeliefert waren.
In den Titel "schlechte Zeit für Lyrik" interpretiere ich folgendes: Unter den Umständen wie den (oben genannten) steigenden Wertvorstellungen und der Ernüchterung der Exillyriker, (unter anderem durch die Indizierungen und den Verbrennungen der Schriften durch die Nazis) war es kaum möglich die Augen vor der Realität zu schließen, und die gegebene Zeit einflusslos auf die Lyrik zu lassen. Die schlechten Bedingungen zu dieser Zeit machen sie zu einer "schlechten Zeit für Lyrik", in der ein Gefühl für eine literarische Beschreibung der Natur unempfindbar war.

Das Gedicht verrät uns, dass politische Gedichte eine kleinere Anerkennung als z. B. die Naturlyrik oder Liebesgedichte hatten, aber mehr Sachlichkeit erhielten. Exilverlage standen unter politischem und ökonomischem Druck. Dafür war der entgegenwirkende Einfluss des dritten Reichs verantwortlich. Er vermittelt in ihm den inneren Konflikt des lyrischen "Ichs" zwischen der Begeisterung über die Schönheit und der Idylle der Natur und dem Entsetzen über die politische Situation, und wie dieses Entsetzen sein Schreiben beeinflusst.

Hauptteil:
Das Gedicht "Schlechte Zeit für Lyrik" besteht aus sechs Strophen mit unterschiedlich vielen und unregelmäßig langen Zeilen.
Brecht lehnt in seinem Gedicht eindeutig die traditionelle Lyrik ab. Die Strophen variieren stark in ihrer äußeren Form, denn Bertold Brecht arbeitet nicht mit Reimen, lässt gerne ein Mal ein Satzzeichen weg, und ein durchgehendes Metrum ist ebenfalls nicht zu erkennen. Es wird keine Anapher benutzt, doch das Gedicht ist elliptisch aufgebaut und mit symbolischen Beispielen unterlegt; "rissiges Netz", der "verkrüppelte Baum" (mit festem Standpunkt und kraftlos zur Gegenwehr, den Staatsvorstellungen gegenüber).
Diese fundamentalen, literarischen Eigenschaften lässt er betont weg, um die Problemstellung in den Vordergrund zu rücken. Er schildert den Zustand des lyrischen Ichs auf eine sachliche Weise, indem er unter anderen auf anschauliche Vergleiche wie positive Metaphern oder eine eloquente Sprachgebundenheit verzichtet und dabei das "Ich" mit Hilfe vieler benutzter Pronomen der ersten Person in den Vordergrund stellt.
Interessant ist, dass es zumindest eine kleine Art der Entwicklung im Gedicht gibt. Anfangs weiß das "Ich" zunächst nicht woher seine gleichgültig/bedrückte Stimmung kommt, dafür am Ende doch immerhin wo die Motivation Sum schreiben her kommt. Das lyrische Ich fasst viele Parallelen zu dem Denken und dem Handeln des Autors, Bertold Brecht auf. Es wirkt wie eine widerspiegelnde Darstellung seines eigenen Gemüts, weshalb ich davon ausgehe, dass er tatsächlich sich selbst als Narrator einbrachte.
Das Gedicht meint "die Vorübergehenden" befassen sich nicht mit den in den Werken angesprochenen ungerechten Verhältnissen, die durch das faschistische Regime entstanden.
Brecht aber, der nach Dänemark gekommen ist will "die Reden des Anstreichers" (die Reden von Adolf Hitler, der einst Künstler werden wollte) anprangern und die Öffentlichkeit auf die Verhältnisse und auch auf die gewaltsame Verbreitung des dritten Reichs aufmerksam machen. Es ist zu vermuten, dass das lyrische Ich in Dänemark sitzt, wo auch Brechts Exil war. Dänemark wird zwar nicht explizit genannt aber "Sund", Landschaften und Fischerei sind relativ typisch und könnten sinnbildlich für Dänemark stehen.

Interpretation:

"Ich weiß doch: nur der Glückliche
ist beliebt. Seine Stimme
hört man gern. Sein Gesicht ist schön."

In der ersten, aus drei Zeilen bestehenden Strophe wird der Leser in den Gedankenstrom Brechts hinein geworfen.
Brecht fängt mit der Erklärung an, dass nur der Glückliche beliebt, gern gehört und schön sei. Dies zeigt, dass er sich bewusst ist, welche Folgen sein kritisches Schreiben haben wird, da er selbst in einer "schlechten Zeit für Lyrik" auf unglückliche Art und Weise über das damalige Idealbild der Gesellschaft schreibt. Er weiß, dass er sich dadurch bei vielen Leuten unbeliebt macht, indem er hier, so wie ich es interpretiere, erst den Diktator seiner Heimat als einziges Idol der Bevölkerung darstellt (bzw. anmerkt, dass es Tatsache war) und abschließend offenbart, dass dieser der Beweggrund dieses Gedichts ist.
Durch die einfachen, kurzen Sätze dieser ersten Strophe macht Brecht deutlich, wie leicht sich viele Leute für eine schöne Inszenierung begeistern lassen und konfrontiert sie dadurch ausschließlich mit dem Inhalt des Gedichts.

"Der verkrüppelte Baum im Hof zeigt auf den schlechten Boden, aber
die Vorübergehenden schimpfen ihn einen Krüppel,
doch mit Recht."

Die zweite Strophe beginnt mit dem Gegensatz zu den verherrlichenden Adjektiven der ersten Strophe wie "der Glückliche", "gern" und "schön". Nun wird über einen "verkrüppelten Baum" geschrieben. Es wirkt, als schaue Brecht in diesem Moment aus dem Fenster und sehe in die Realität, den verkrüppelten Baum. Er hebt jedoch hervor, dass allein der schlechte Boden Grund für das verkrüppelte Wachstum des Baumes sei. Die Menschen beschimpfen den Baum, nicht den Boden.
Dieses Bild stellt Brechts Situation dar und bestätigt die Feststellung in der ersten Strophe.
Die Gründe dafür, dass Brecht nicht zu den glücklichen, beliebten und gern gehörten Menschen gehören kann, sind die äußeren Umstände, also die politische Situation. Sie lässt nicht zu, dass er korrekte und harmonische Gedichte über die Schönheit der Natur schreibt, sondern zwingt ihn dazu, über weniger schöne, authentische, ernste und notwendige Themen zu schreiben.
Die Menschen allerdings schimpfen Brecht statt der Gründe für sein kritisches Schreiben, genauso wie sie den personifizierten Baum statt den schlechten Boden schimpfen.
Brecht stimmt den Leuten, die den Baum und ebenso ihn beschimpfen, zu.
Der Baum ist ein Krüppel, genauso wie er ein Unglücklicher ist, auch wenn beide nur durch die äußeren Umstände dazu gemacht wurden. Ein zweites sinnbildliches Beispiel zur Interpretation des Baums wäre, ein flüchtiger, gefangen von Unterstützern des Nazi-Regimes.
Gebunden an die Macht der Unterdückung, die fest verankert ist. Der Boden würde den Staat und ihre gesamten Vertreter darstellen, kontrollierend und wachend über seine Untertanen krallen sie sich an dem Verstand der Menschen fest.

"Die grünen Boote und die lustigen Segel des Sundes
Sehe ich nicht."

In der dritten Strophe, welche nur zwei Zeilen lang ist, schildert er die Idylle "grüner Boote und die lustigen Segel" in einer aufgeweckten, spielerischen Wortwahl, die er selbst zwar wahrnimmt, jedoch nicht schätzen und umsetzen kann. Dies macht er deutlich, indem er die eigene Wahrnehmung direkt wieder am Ende der Strophe verwirft und das Bild zerstört: "...Sehe ich nicht." Diese, schon beinahe festlich beschriebene Ausdrucksweise könnte die Maßnahmen darstellen, die dafür sorgen sollte, dem Volk das faschistische Denken positiv niederzulegen, indem beispielsweise die Hitlerjugend immer mehr ausgeschmückt und kindgerecht gestaltet worden ist und welche Brecht nicht beeindruckten. Jedoch weiß ich nicht genau, ob Bertolt Brecht damals überhaupt ausreichend über die Geschehnisse in Deutschland informiert war, um solche Beispiele zu verfassen.

"Von allem sehe ich nur der Fischer rissiges Garnnetz.
Warum rede ich nur davon
dass die vierzigjährige Häuslerin gekrümmt geht?
Die Brüste der Mädchen
sind warm wie ehedem."

In der vierten Strophe wird nochmals deutlich, dass Brecht selbst in dem idyllischen Bild nur die harte Realität sieht: "Der Fischer rissiges Garnnetz."
Das rissige Garnnetz, ein Zeichen für harte Arbeit und schlechte Bedingungen, spielt eine ähnliche Rolle für die Fischer wie der schlechte Boden für den Baum und die schlechte politische Situation für Brecht.
Erneut wird verdeutlicht, dass es unter schlechten Bedingungen nicht möglich ist, "glücklich, schön und beliebt" zu sein.
Brecht ist das bewusst und er fragt sich selbst nach dem Grund.
Er stellt sich die Frage, warum er nur davon rede, dass die Häuslerin gekrümmt gehe, obwohl die Brüste der Mädchen so warm wie ehedem seien. Durch diese Unterdrückung der eigenen Freiheit schwindet also auch sein Interesse an Frauen. Diese Frage bleibt allerdings unbeantwortet und fordert den Leser auf, sich selbst Gedanken zu machen.

"In meinem Lied ein Reim
käme mir fast vor wie Übermut."

In der fünften, zweizeiligen Strophe begründet Brecht den formlosen Aufbau des Gedichtes. Brecht macht vor allem deutlich, dass eine klangvolle Form in Zeiten wie diesen nicht angemessen, sondern eher naiv wäre.

"In mir streiten sich
die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum
und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers.
Aber nur das zweite
drängt mich zum Schreibtisch."

Erst in der sechsten Strophe spricht Brecht seinen inneren Konflikt an und der eigentliche Sinn des Gedichtes wird dem Leser deutlich. Es handelt sich also um einen tektonischen Aufbau. Brecht beschreibt, dass sich in ihm die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers, womit Hitler gemeint ist, streiten. Durch das Verb "streiten" und durch die starke Gegenüberstellung von der "Begeisterung" und dem "Entsetzen" wird klar, dass es sich um einen inneren Konflikt handelt. Denn auch, wenn er die Schönheit der Natur, wie den blühenden Apfelbaum, immer noch sieht, erscheint es ihm wichtiger in seinem Entsetzen über Hitler zu schreiben, welches ihn "zum Schreibtisch drängt."

Schlussteil:
Ich habe das Gedicht in erster Linie wegen dem aussagekräftigen Titel und den eigenen, daraus entstandenen Vorstellungen gewählt. Ich habe mich vorher noch nicht exklusiv mit Brechts Werken beschäftigt und hatte kein Wissen über seine literarischen Absichten. Von daher hat mich das Gedicht erst überrascht. Mir war unklar inwiefern sich der Text auf politische Probleme bezieht, bis ich die letzte Strophe las, in der der "Anstreicher" genannt wird. Ich informierte mich über Brecht, ging metaphorisch vor und zerlegte einzelne Satzteile wie beispielsweise den "verkrüppelten Baum", der auf den Boden deutet und generell düster dreinblickt, verglich dies mit der Situation in der sich der Autor befand und personifizierte den Boden sowie den Baum und verglich sie mit dem faschistisch-kommunistischen Konflikt.
Wenn man sich darauf einlässt, ist dieses Gedicht sehr tiefgründig, nicht zuletzt da der Aufbau und das Schema gegen die damaligen Standards rebelliert.
Auf jeden Fall finde ich die Aussage offensichtlich, dass sich unter solchen Voraussetzungen die Wahrnehmung der Umgebung ändert und sich die Absichten bezüglich der eigenen Schriften ändern während man sich im Exil befindet, wie man es an der formlosen Umsetzung sehen kann.
Der Verzicht auf sprachliche Stilmittel ist eine Art Grenzüberschreitung, vor allem zu dieser Zeit. Jedoch bestand mit Sicherheit ein gewisser Zweifel daran, dass das geschriebene jemals publik wird. Mit dem Hintergrundwissen finde ich das Gedicht sehr interessant, insbesondere die Parallelen zu Bertolt Brecht selbst, und letzten Endes bin ich froh über meine Entscheidung.
Inhalt
Interpretation und Parallelgedicht zu "Schlechte Zeit für Lyrik" von Bertolt Brecht.Einbettung in die Zeit seines Exils in Dänemark und Auswirkungen auf sein Schreiben werden dargestellt. (2100 Wörter)
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01.09.2013 von Cobain
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