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Klausur: Inwiefern ist Georg Büchners "Woyzeck" ein soziales Drama?

Alles zu Georg Büchner  - Woyzeck

Thema: Georg Büchner Woyzeck


Inwiefern ist Woyzeck ein soziales Drama?


Georg Büchner hat einem, und damit in gewisser Hinsicht allen Angehörigen der unteren Schicht durch die explizite Benennung des Protagonisten als Friedrich Johann Franz Woyzeck (1) ein Gesicht gegeben. Die Tragweite dieses Schritts wird vor dem Hintergrund der damals üblichen strengen dramatischen Norm des klassischen Dramas, bei dem alle Protagonisten einer zumeist adligen, auf alle Fälle gehobenen gesellschaftlichen Schicht entstammen, deutlich.
Der Autor personifiziert den armen Stadtsoldaten, während hingegen die Personen der bürgerlichen Schicht ihre Eigennamen verlieren. Die Entpersonifizierung der Bürgerlichen verfolgt das Ziel, die Maskerade von Amts- und Würdenträgern hinter ihrer gesellschaftlichen Funktion, oder expliziter, ihrem Beruf als Doktor oder Hauptmann aufzuzeigen.

Obwohl die beiden Charaktere Individuen mit klar erkennbaren Charaktereigenschaften sind, so verschmelzen doch Person und Funktion. Dieses Verschwimmen könnte man als Maskierung zum Zwecke der Un(an)greifbarkeit bezeichnen.
Aus dieser Sicht heraus gewännen auch die tautologischen Moralismen des Hauptmanns eine ganz neue Dimension: Sie wären nicht nur pointierte Karikatur auf bildungsbürgerliche Sentimentalitäten, sondern subtilere Hinweise auf den nicht greifbaren Charakter des Bürgertums, auf den Spagat zwischen moralischer Korrumpiertheit und meist geheucheltem Mitgefühl, zwischen Repression und Verdrängung der Armen; wobei Verdrängung hier vor allem als psychologischer Ausdruck zu verstehen ist.
Allein aus den Benennungen der Charaktere lässt sich also auf eine sozialkritische Qualität des Dramas Woyzeck schließen. Doch Büchners Kritik geht weit über die oben erwähnte Mutmaßung hinaus.
Ich denke, es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass allein die Wahl eines bitterarmen Söldners, der obendrein noch zum Mörder wird, zum Protagonisten eines Theaterstückes Mitte des 19. Jahrhunderts einen Sturm der Entrüstung bei den Rezensenten, Intendanten und Bürgern ausgelöst hätte, ganz zu Schweigen von der höchstwahrscheinlichen Zensur mit all ihren Folgen.
Auch die das Nichtvorhandensein einer Form im herkömmlichen Sinn, die Aufteilung des Stückes in Episoden statt in klassische Aufzüge und die damit einhergehende Ersetz- und Austauschbarkeit der Szenen kann als Kritik verstanden werden.

Doch über bloße Kritik geht das Vorgehen Büchners weit hinaus. Denn wenn man sich nämlich auf den Versuch einlässt, die in seiner Szenenaufteilung deutlich werdende Sicht auf die herrschenden Verhältnisse bis in die letzte Konsequenz auf die Wirklichkeit zu übertragen, so ist Woyzeck ein Schlag ins Gesicht für die herrschende Klasse und eine eindeutige Absage an die feudale, de facto mittelalterliche göttliche Ordnung:
Die Welt macht keinen Sinn mehr, die Szenen sind wie Menschen, deren Individualität schon vor ihrer Geburt genommen wurde, austauschbar. Eine höhere Macht gibt es nicht mehr, der sowohl König als auch Bauer unterworfen wären. Die Kirche hat viel von ihrem Einfluss verloren, erste Manufakturen und Fabriken prägen das wirtschaftliche Bild. Büchner zeigt die bittere Realität der ausgebeuteten Bevölkerung in einer Phase des frühesten Kapitalismus und die Skrupellosigkeit der Herrschenden. Sie besitzen weder ethische Grundsätze noch eine Legitimation ihrer Herrschaft.
Als protomodern und protosozialistisch könnte man somit Büchners Weltanschauung bezeichnen, als sozialkritisch sein Drama Woyzeck. Er verzichtet auf Mitleid heischende Formulierungen und auch auf einen eindeutigen Appell an die Bevölkerung, etwa zur Revolution. Gründe hierfür könnten entweder sein teils überraschend distanziertes Verhältnis zur Revolution sein (2) oder auch die Überzeugung, dass Kritik die Grundlage aller gesellschaftlichen Veränderung ist.

Verwendete Literatur:
Universität Karlsruhe; Institut für Literaturwissenschaft WS 2003/2004
Proseminar: Einführung in die neuere deutsche Literaturwissenschaft
Leitung: Prof. Dr. A. Böhn
www.rz.uni-karlsruhe.de/~litwiss/boehn/ws03_04/protokolle_einfuehrung/Protokoll22_12.rtf
Datum des Zugriffs: 08.12.04

Fußnoten:
1.Seite 27 letzte Zeile
2.Seite 210 in Georg Büchner - Dichtung und Schriften, Könemann, Herausgeber Rolf Toman, Köln 1997
Inhalt
Der Hauptteil einer von mir geschriebenen Klausur über Georg Büchners "Woyzeck". Wir durften Sekundärliteratur verwenden, deswegen unten die Quellenangaben. (560 Wörter)
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08.01.2005 von unbekannt
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