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Facharbeit: Erörterung: "Eizellen-Freezing" - Ist die Skepsis angebracht?

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"Eizellen-Freezing" - Ist die Skepsis angebracht?

Das Mitarbeiterinnen-Angebot von Facebook und Apple


Textgebundene Erörterung

Anna Reimann veröffentlicht am 16.10.2014 in Spiegel Online einen Kommentar mit dem Titel "Warum ich den Eizellen-Plan von Apple und Facebook pervers finde". Darin zeigt sie aus ihrer Sicht auf, warum sie späte Mutterschaft zugunsten der Karriere aus ethischer, moralischer und gesellschaftspolitischer Sicht ablehnt.
Ob die Skepsis dem Angebot gegenüber angebracht ist, möchte ich hier erörtern.

Die Verfasserin beginnt ihren Kommentar mit einem empirischen Argument. Sie selbst sei 29-jährig schwanger geworden. Jetzt sei sie 35 und hätte zwei Kinder. Sie empfände die Doppelbelastung von Kind und Zweidritteljob als herausfordernd und erschöpfend und fragt sich, wie sie diesen Anforderungen gewachsen gewesen wäre, wäre sie zehn Jahre später Mutter geworden. Anna Reimann hätte in ihrem Umfeld aber auch einige Freundinnen um die 30, die zwar einen starken Kinderwunsch, aber keinen geeigneten Partner dazu hätten. Für sie sei es von Vorteil, sich ihre Eizellen für eine spätere Schwangerschaft einfrieren zu lassen. Facebook und Apple würden mit diesem Angebot aber nach Reimanns Aussage "in eine gefährliche Richtung gehen", denn wenn "Familienplanung nur noch rational betrachtet" werden würde, dann würden Arbeitnehmerinnen, die sich nicht an die wirtschaftlichen Vorgaben des Arbeitgebers anpassen, künftig als "naiv, doof, altbacken und rückständig" gelten. Sie bezichtigt alle der Lüge, die meinen, es sei mit Mitte 30 oder 40 für die Frauen einfacher, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Aus ihrer eigenen Erfahrung und aus den Beobachtungen ihres Bekanntenkreises könne sie schließen, dass es nicht möglich ist, Kind und Beruf zu vereinbaren. Auch spricht sie den Fakt an, dass Kinder von älteren Müttern öfter mit Fehlbildungen und Krankheiten zur Welt kommen. Anna Reimann beängstigt das Angebot von Facebook & Co.: "Es fröstele sie" bei dem Gedanken. Denn ihrer Meinung nach sei das ein Signal der Unternehmen gegen arbeitnehmende Mütter in ihren Betrieben. Sie beendet ihren Kommentar mit dem Appell, dass die Unternehmen gefordert seien, statt Eizellen-Freezing besser organisierte Teilzeitjobs anzubieten.

Anna Reimann begründet ihre Argumente großteils auf empirische Weise. Den Einstieg schafft sie mit Erfahrungen aus ihrer eigenen Mutterschaft. Und auch, wenn man empirische Argumente nicht verallgemeinern darf, wird ihr die weibliche Mehrheit zustimmen, was die Vereinbarkeit von Kind und Karriere betrifft. Ihre rhetorische Frage, wie sie die Erschöpfung und die Herausforderung meistern würde, wäre sie erst zehn Jahre später Mutter geworden, hat seine Daseinsberechtigung. Ob sie es im späteren Alter tatsächlich besser gemacht hätte, kann zwar kontrovers diskutiert, jedoch nicht mit Sicherheit beantwortet werden.
Die Verfasserin schafft trotz der Textsorte des Kommentars einen Sprung in die Dialektik und zeigt auch ein Argument pro "Eizellen-Freezing" auf, wenn sie das empirische Argument ihrer Freundinnen um die 30 bringt, die zwar einen Kinderwunsch, jedoch nicht den geeigneten Partner dazu hätten. Wenn Reimann mit einem Argumentum ad Baculum sagt, dass dieses Angebot der Unternehmen in eine gefährliche Richtung gehe, weil es alle Frauen mit Kinderwunsch künftig als "naiv, doof, rückständig und altbacken" ansehen würde, spielt sie mit den Befürchtungen der weiblichen Bevölkerung. Es handelt sich hier um ein unseriöses Argument und muss demnach zurückgewiesen werden. Man kann den Frauen genug Selbstbewusstsein zumuten, dass es ihnen egal ist, was gewisse Gruppen über sie denken, wenn sie sich für ein Familienleben und damit gegen die Karriere entscheiden. Wie sich die Frauen entscheiden, kann ihnen kein Arbeitgeber diktieren. Es gab und gibt so viele diverse zeitliche Strömungen und Einflüsse, dass man doch als Einzelner niemals allen gerecht werden kann. Das kann man in der Mode und der Auffassung von körperlicher Ästhetik genauso beobachten.
Die Kommentatorin bringt das Faktenargument des erhöhten Risikos für Fehlbildungen und Krankheiten bei später Mutterschaft. Das ist das stärkste Contra-Argument des Textes. Es ist wissenschaftlich belegt, dass es ab einem gewissen höheren Alter der Mutter öfter zu Behinderungen und Fehlentwicklungen des Kindes kommt.
Die Verfasserin selbst begründet ihre These gegen späte Mutterschaft wieder mit einem empirischen Argument. Sie kenne in ihrem Bekanntenkreis niemanden, der es schaffe, Beruf und Familie zu vereinen. Tatsächlich gibt es nur wenige Privilegierte, die diese Hürde gut meistern. Es handelt sich jedoch dabei eher um Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Oder um bestimmte Berufsgruppen, die jedoch nicht als Maßstab für die Allgemeinheit gelten dürfen. Als normatives Argument schreibt Reimann gegen Ende des Textes über die Einstellung der Unternehmen, die mit dem Angebot des Eizellen-Freezings die Aussage machen würden, sie würden arbeitnehmende Mütter ablehnen. Die Mehrheit würde Reimanns Denkweise zustimmen. Bei dem Angebot des Eizellen-Freezings sollten jedoch die Alarmglocken aus anderem Grund läuten: Wie weit würde Facebook wohl gehen? Können sich diese Frauen sicher sein, dass nicht vielleicht sogar still und heimlich ihr Erbgut untersucht wird? Eine Frage, die zwar wie Science Fiction klingt, jedoch trotz allem bereits in der Realität gestellt werden darf.
Ihr Appell für bessere Teilzeitjobs anstatt Eizellen-Freezing kann nur unterstützt werden.

SPRACHLICHE ANALYSE:


Reimann bedient sich beim Thema Schwangerschaftsplanung einer einfachen Wortwahl und Sprache, verzichtet auf Jargon und fachsprachliche Ausdrücke. Sie macht damit ihren Text allgemein verständlich und stellt den Adressatenbezug her. Angesprochen sollen sich durch ihren Text all diejenigen Frauen und Männer fühlen, die sich derzeit selbst in der Schere zwischen Familie und Beruf befinden. Die Einsicht, dass der Text nicht vorwiegend Frauen ansprechen soll, unterstützt auch der Umstand, dass das Wort "Frau" nur ein Mal öfter verwendet wird, als das Wort "Mann". Die Aussageabsicht wurde erfüllt, jedoch richtet sie den Apell für mehr Teilzeitjobs nicht direkt an die Arbeitgeber, sondern motiviert die Betroffenen, sich dafür zu engagieren, mehr Teilzeitjobs zu fordern. Reimann schreibt im Nominalstil, das heißt sie verwendet vermehrt Substantive und setzt gekonnt aussagekräftige Adjektive (pervers, verlogen, erschöpfend, herausfordernd, verheerend, naiv, altbacken,...) ein. Die verwendeten Substantive sind vorwiegend Abstrakta (Karriere, Zeitpunkt, Zwischenzeit, Nacht, Signal, Lüge,...), was auch dazu beiträgt, dass der Text als Ganzes großteils emotional gefärbt ist. Überhaupt deutet die Wortwahl auf eine weibliche Verfasserin hin.
Beim Satzbau verzichtet Reimann auf hypotaktischen Satzbau, was dem sinnerfassenden Lesen zugute kommt. Sie bevorzugt den parataktischen Satzbau, verwendet Deklarationssätze, verzichtet gänzlich auf Exklamativsätze und setzt an wenigen Stellen einen Interrogativsatz.
Rhetorische Mittel kommen im Text nur vereinzelt vor, darunter eine Ellipse ("Frauen nicht und Männer nicht.") und eine Accumulatio bei der Aufzählung der negativen Eigenschaften von Frauen, die der frühen Mutterschaft zugeneigt sind ("naiv, doof, altbacken, rückständig"). Den Titel könnte man als Hyperbel verstehen ("Warum ich... pervers finde"), die Bezeichnung "herausfordernd" im Bezug auf die Schere zwischen Familie und Beruf könnte man als Euphemismus abtun. Die Verfasserin verwendet jedoch als weiteres Adjektiv das Wort "erschöpfend", was der Wahrheit schon sehr nahe kommt. Weiters stellt sie eine rhetorische Frage ("Wie würde ich das Ganze..., mit 45 verkraften?").
Reimanns Gedankenführung ist induktiv, sie bringt zunächst ihre Argumente, verknüpft konsekutiv und kommt zuletzt zu der Schlussfolgerung, dass der richtige Weg ihrer Meinung die Schaffung von besseren Teilzeitjobs sei.

SYNTHESE:

Dass es nicht einfach oder fast unmöglich ist, Kinder und Beruf zu vereinen, kann die Mehrheit der Mütter und Väter bestätigen. Ob es tatsächlich einer reiferen Frau einfacher fällt, Kind und Beruf unter einen Hut zu bekommen, wage auch ich zu bezweifeln. Natürlich erscheint das Angebot für Frauen mit Kinderwunsch aber ohne geeigneten Partner attraktiv, jedoch stellt sich die Frage, ob sich Facebook & Co. durch ihr unterbreitetes Angebot zukünftig nicht vermehrt auf Bewerbungen von kinder- und partnerlosen Frauen mittleren Alters einstellen muss. Als "gefährlich" kann das Angebot nur für diejenigen betrachtet werden, die sich unmündig fühlen, selbst die Entscheidungen für ihr eigenes Leben zu tragen. Man kann nicht jede zeitabhängige Strömung unbedacht mitmachen, sondern sollte sich darüber klar werden, was man tatsächlich will und wie man sein eigenes Leben gestalten möchte. Eine große Portion Selbstbewusstsein, welche die meisten jungen Menschen von Haus aus bereits mitbringen, gehört hiefür natürlich dazu. Die von Reimann genannte "Lüge" ist keine. Niemals haben sich Unternehmen offiziell dazu geäußert, dass es besser sei, Kinder erst in den mittleren Jahren zu bekommen. Dem Unternehmen geht es überhaupt nicht darum, was für den Arbeitnehmer besser ist, sondern vielmehr vertreten sie ihre Eigeninteressen. Das Risiko von Behinderungen, Fehlbildungen und Krankheiten bei später Mutterschaft ist ein Fakt. Das muss jeder Frau bewusst sein. Es stellt das stärkste Argument gegen späte Mutterschaft dar.

Ich stimme der Verfasserin grundsätzlich zu. Manchmal ergreift mich das unruhige Gefühl, dass die Wirtschaftstreibenden sich frech über die Bedürfnisse der einzelnen Menschen stellen wollen. Trotzdem ist es nur ein Angebot, dass jeder selbst für sich ablehnen oder annehmen kann. Jede Frau muss selbst entscheiden, ob sie das Angebot des Eizellen-Freezings annimmt, so lange sie sich über die Risiken einer späten Mutterschaft bewusst ist. Wir sind alle zu Selbstständigkeit und Verantwortung erzogen worden. Niemand kann uns dazu zwingen, einen von außen vorgegebenen Lebensweg zu beschreiten. Den bestimmen wir alle für uns selbst. Frauen, die sich hauptsächlich der Familie widmen wollen, finden einen Weg. Ob dieser Weg anderen Gruppierungen als unattraktiv erscheint, muss diesen Frauen egal sein. Vielleicht werden sie in 20 Jahren als Vorreiter einer neuen Strömung bezeichnet. Im Vorhinein kann man das niemals ganz genau wissen.

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/social-freezing-kommentar-zum-vorschlag-von-apple-und-facebook-a-997451.html
Inhalt
Textgebundene Erörterung zum Thema Schwangerschaftsplanung und späte Mutterschaft nach einem Kommentar von Anna Reimann im Spiegel Online: Das Mitarbeiterinnen Angebot von Facebook und Apple: "Eizellen-Freezing" - Ist die Skepsis angebracht? (1625 Wörter)
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18.10.2014 von Ipunkt
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