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Facharbeit: Vorzeit, und neue Zeit (K.v. Günderode)

Alles zu Gedichte und Lyrik

Hausaufgabe im Hauptfach Deutsch


Gedichtinterpretation „Vorzeit, und neue Zeit“ von K.v. Günderode

von Sydney Plewinski
„Habe den Mut dich deines Verstandes zu bedienen!“ ist wohl jene/r grundlegende/r Idee bzw. Leitsatz, mit dem die Aufklärer begannen ihre Welt in der sie lebten kritisch zu hinterfragen. Auch Karoline von Günderode, ihres Zeichens Romantikerin, greift in ihrem Gedicht „Vorzeit, und neue Zeit“ dieses Thema auf, doch mit dem Unterschied, dass sie die Aufklärung selbst hinterfragt. Günderode stellt dabei die Zeit vor der Aufklärung, in der das religiöse Leben bestimmend war, und die Zeit nach der Aufklärung, die durch die Beseitigung des kirchlichen Dogmas einherging, gegenüber. Dabei äußert Sie gleichzeitig Kritik an der Aufklärung und bekundet Sehnsucht nach vergangenen Verhältnissen im Mittelalter.
Der erste Leseeindruck vermittelt eine pessimistische Haltung bzgl. der Aufklärung. So beschreibt die Autorin aus der Zeit in der ersten Strophe der Romantik zunächst voraufklärerische Verhältnisse, wobei Sie eine ungefähre, durchaus positive Beschreibung der religiösen Welt abgibt. In der zweiten Strophe schreibt Günderode, dass der Glaube nun weitestgehend beseitigt ist und geordnete Verhältnisse auf der Erde herrschen. Dieser Absturz des Glaubens ist in der dritten Strophe noch einmal verdeutlicht, in der die Gegenwart mit ihren naturwissenschaftlichen Kenntnissen und vernunftbetonten Ideen die Religion und den Glauben an Gott verdrängt hat.
Das Gedicht ist, wie bereits aus der Inhaltsangabe zu entnehmen ist, in drei Strophen geteilt, wobei die erste Strophe ein Quartett (vier Verse) bildet und die letzen beiden dagegen ein Terzett (drei Verse) und enthält kein Endreimschema. Die Verse sind annähernd gleich lang und besitzen ohne Ausnahme einen fünf und sechs hebigen Jambus. Die Verse sieben und zehn enthalten jeweils eine unbetonte und somit weibliche Endung und fallen durch ihre optisch größere Länge auf.
Die erste Strophe berichtet von der Vorzeit, was erkennbar an der Wahl der Präteritumszeitformen wie z.B. „schien“, „war“ oder „führten“ ist. Im ersten Vers wir ein „rauer Pfad“ beschrieben, der mit Beachtung seiner Beschreibung den Lebensweg versinnbildlicht. Diese Beschreibung enthält den „Himmel“ und die „Hölle“ die das Gute und das Böse in der damaligen Zeit darstellen, dabei wird aber der Eindruck erweckt, als sei dieser raue Pfad nicht komplettiert, quasi unvollständig. Dies soll womöglich darstellen, dass der Mensch zur damaligen Zeit noch die Wahl hatte zwischen dem guten, „himmlischen“ Weg und dem bösartigen, „höllischen“ Weg. Die zweite Strophe enthält dann, wie an der nun veränderten Zeitform Präsens erkennbar, einen Wechsel, es wird nun eine pessimistische Beschreibung der neuen Zeit abgegeben, die im wesentlichen zunächst die Veränderungen beschreibt. „Der Himmel ist abgestürzt,der Abgrund aufgefüllt“ (Z.6), daraus schlussfolgere ich, dass es keinen Himmel und keine Hölle mehr gibt, bzw. kann man den Unterschied nicht mehr feststellen. Somit gibt es auch keine Unterscheidung zwischen Gut und Böse mehr und die Religion, die ja auf der klaren Abgrenzung zwischen Gute und Böse (Himmel und Hölle) aufbaut ist somit auch nicht mehr existent. Durch das Herunterstürzen und Auffüllen wird das lyrische Ich in seiner Freiheit begrenzt und im übertragenden Sinne eingeengt. Vernunft herrscht jetzt vor und der „Pfad des Lebens“ erscheint nun einfacher und harmonischer. Er ist nicht mehr rau sondern bequem, im Gegensatz zur ersten Strophe ist der Lebensweg also nun auch nicht mehr frei wählbar, da es keine Unterscheidung mehr zwischen Gut und Böse erübrigt sich also auch ein unterschiedlicher Lebensstil. „Des Glaubens Höhen sind nun demolieret“, mit diesen Worten beginnt die dritte und letzte Strophe und zeigt dabei wie kaum eine andere die negative Grundeinstellung Günderodes bzw. der Romantiker gegenüber der Bewegung der Aufklärung und ihren sonst so gepriesenen Errungenschaften der Vernunft. Der starke Kontrast zwischen den anfänglich beschrieben „Bergen“ (Z.2) und der nun entstandenen „flachen“ Erde soll nur ein Beispiel sein um dies zu verdeutlichen. „ Und auf der flachen Erde schreitet der Verstand, Und misset alles aus, nach Klafter und nach Schuhen.“ mit diesen Worten endet Karoline von Günderode in ihrem Gedicht und möchte noch einmal verdeutlichen wie sehr die Aufklärung die Welt doch gewandelt hat, nicht unbedingt im negativen. Sie wird den Humanismus bspw. nicht kritisieren, davon bin ich überzeugt, doch wohl eher die Tatsache, dass die Aufklärung mit ihren Ideen keinen Platz für andere Ideen lässt und streng den Alltag der Menschen reglementiert und keinen Platz zum wandeln, zum träumen oder ganz einfach zur freien Lebensgestaltung lässt.
Die Kritik an der Aufklärung zeigt sich aber bereits in der Strukturierung des Gedichtes, so fällt erst auf den zweiten Blick das Anfangskreuzreimschema auf, welches sich aber nur in der ersten Strophe finden lässt. In der zweiten und dritten Strophe findet man dagegen kein einheitliches Reimschema. Dieser Aspekt soll meiner Meinung nach die Harmonie (die Reime im Allgemeinen hervorrufen) noch verstärken. Inhaltlich möchte Günderode damit wohl zum Ausdruck bringen, dass die Zeit vor der Aufklärung eine „gute“ Phase darstellte, d.h. im Mittelalter gab es geordnete Verhältnisse, die beständig über jahrhunderte hinweg existierten, sowie eine starke christliche Religion. Religion, Gottesbezogenheit, Beständigkeit, Gefühl, Irrationalität und Naturverbundenheit das sind die Werte mit denen sich die Romantiker identifizieren und die auch im Gedicht als positiv umrahmt werden. Die letzen beiden Strophen gelten der Kritik an der Aufklärung was sich wiederum aus dem nicht vorhandenen Reimschema ableiten lässt, da dieses in meinen Augen keine Harmonie ausdrückt und Günderode dieses also bewusst weggelassen hat um so auch einen Synergieeffekt für die „Vorzeit“ zu erreichen. Die Verwendung eines durchgehenden Jambus’ könnte zunächst das Gegenteil suggerieren, doch fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass Günderode auch hier z.B. zwischen dem fünf-hebigen (Z.1) und sechs-hebigen (Z.7) unterscheidet und damit wieder eine Unregelmäßigkeit erzeugt wird. Diese Unregelmäßigkeit und Disharmonie im zweiten Drittel des Gedichtes bestätigen, so behaupte ich, meinen ersten Leseeindruck von einem pessimistischen Gedicht im Bezug auf die Aufklärung voll und ganz, der des weiteren auch durch die stumpfen unbetonten weiblichen Kadenzen unterstrichen wird.
Zwar ist das Gedicht „Vorzeit, und neue Zeit“ nicht gerade von stil. Mitteln gesegnet, doch hat die Autorin trotzdem an manchen Stellen im Gedicht solche sprachlichen Mittel verwandt um ihre Intention noch zu verdeutlichen. Auffällige stilistische Mittel sind dabei die Epipher in Vers 3 und 4 und die Anapher in Vers 9 und 10. Die Wiederholungen verstärken dabei die Aussageabsicht. In der ersten Strophe wird das Vorhandensein der Hölle hervorgehoben und indirekt das Entgegengesetzte, das Himmelreich. In der dritten Strophe wird „Und“ als Aufzählungsmittel genutzt. Die Autorin intensiviert mit der Aufzählung des Schlechten ihre Haltung gegenüber der Aufklärung.
Resümierend kann ich mich Fug und Recht behaupten, dass sich meine Deutungshypothese bewahrheitet hat, denn Günderodes Gedicht „Vorzeit, und neue Zeit“ ist geradezu ein Paradebeispiel für die Einstellung der Romantiker gegenüber der Aufklärung. Sie fordern in ihren Schriften die Rückbesinnung auf alte Werte und Traditionen und kritisieren im gleichen Atemzug die zerstörende Wirkung jener vernunftbetonten Epoche, die sonst als die zweite Geburtsstunde eines jeden Menschen gefeiert wird, auf die Religion, das Gefühl und die Naturverbundenheit. Novalis, ein anderer berühmter deutscher Romantiker, drückt es treffend aus: "Die Welt muss romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedere Selbst wird mit einem besseren Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind.“
Wörter: 1168
Inhalt
Eine Gedichtinterpretation
Allein bewerkstelligt *stolz*
Wörter:1170
Besondere Belobigung gabs für Zitatauswahl und Ausdruck! (1169 Wörter)
Hochgeladen
10.04.2008 von NB-Phantom
Schlagwörter
Romantik Günderode Gedichtinterpretation Vorzeit und neue Zeit | Gedichtsanalyse | Günderode
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