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Interpretation des Werkes

Alles zu Alfred Andersch  - Sansibar oder der letzte Grund

Alfred Andersch - Sansibar oder der letzte Grund


Analyse / Interpretation
Genau wie der Junge in seiner Traumwelt der Abenteuerbücher lebt, lebt auch Judith in einer ihr eigenen Traumwelt voller Romantik, doch macht sie innerhalb des Romans eine innere Wandlung durch und wird erwachsen. Das abscheuliche Angebot, das der Wirt macht, nachts auf ihr Zimmer zu kommen, versucht Judith zu verarbeiten und denkt: "Vielleicht war es immer auf Fluchten so, daß das flüchtende Mädchen sich einem Scheusal hingeben mußte, dachte sie verzweifelt und romantisch" (66). Sie merkt jedoch bald, daß das romantische Denken der Wirklichkeit nicht standhalten kann. Auch der "Traum" ihrer Flucht von einem gutaussehenden Kapitän mit Goldknöpfen an der Uniform mit nach Schweden genommen zu werden zerplatzt, als sie von einem leicht angetrunkenen, unreifen Matrosen mit auf ein Schiff genommen wird. Auch in der Nacht, da sie mit Gregor zur Lotseninsel geht, macht sie eine große Entwicklung durch und schließt letztendlich mit ihrer Vergangenheit ab. Sie erinnert sich an Spaziergänge in einer solchen Nacht mit ihrem Vater und wie er plötzlich stehenblieb und Goethe rezitierte. "...aber hier war alles ganz anders... Goethe und Papa befanden sich irgendwo, hier waren sie undenkbar, denkbar war hier nur dieser jung Mann..." (122). Auch gibt sie hierbei ihr romantisches Denken endgültig auf. "Manchmal erinnerte sie sich daran, daß sie hatte fliehen wollen, aber Flucht war für sie nur ein Wort gewesen, keine Wirklichkeit, sie war in den Wirbel der Wirklichkeit geraten, und sie entdeckte nun,..." (125). Judith wird also an diesem Tag in Rerik erwachsen. Sie distanziert sich von ihrer Mutter, die Rerik romantisch fand und ihr deshalb diesen Hafen als Flucht nach Schweden vorschlug und nicht, weil er für eine Flucht besonders geeignet war. Sie erkennt bald selbst: "aber Rerik war nicht romantisch, man wurde hier erwachsen" (79).
Auch der Junge macht eine innere Wandlung durch. Während er sich am Anfang des Buches noch in seiner Abenteuerwelt und auch vor den Erwachsenen versteckt, oder sich zumindest ihnen nicht öffnet, da er sie nicht versteht, spürt er gegen Ende des Romans, daß er die Welt des Huckleberry Finn nicht mit der in seiner Heimatstadt vergleichen kann. Des weiteren merkt er, daß es für ihn, im Gegensatz zu Huckleberry Finn, keinen wirklichen Grund zum Fliehen gibt, da es für ihn in seiner Heimatstadt keine reelle Bedrohung gibt und es kein zwingender Grund ist zu fliehen, weil es Sansibar gibt. Als er sieht, daß sich Knudsen für ihn in Gefahr begibt, begreift er, daß es auch menschliche Bindungen und moralische Verpflichtungen gibt, und entschließt sich daher aus Pflichtgefühl Knudsen gegenüber zurückzugehen. Ebenso wie Judith hat auch der Junge eine innere Wandlung durchgemacht und ist einen Schritt erwachsener geworden. Er begreift, daß wahre Freiheit nicht in der Flucht vor Tatsachen liegt. Er entscheidet sich zurückzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Mit der Figur des Jungen möchte Andersch vielleicht vor der ziellosen Freiheit warnen, die nur eine Freiheit um der Freiheit willen ist. Judith und der Junge haben gelernt, in der Realität zu leben. Während Judith gelernt hat, ihr romantisches Denken aufzugeben, hat der Junge eingesehen, daß er seine zwar abenteuerlichen, aber doch unrealistischen Huckleberry-Finn-Träume aufgeben und in der Realität leben muß.
Der Roman ist in 37 Kapitel unterteilt, die keine Numerierung tragen, sondern nur die Namen der Personen, aus deren Sicht sie erzählt werden. Die Kapitel des Jungen stehen am Anfang und am Ende des Romans und treten des weiteren nach jedem anderen Kapitel auf. Sie sind im Kontrast zu dem übrigen Romantext kursiv gedruckt, des weiteren wird der Junge nie in Verbindung mit einer weiteren Person in der Kapitelüberschrift genannt, sondern stets allein. In den ersten Kapiteln treten auch die übrigen Personen einzeln auf, werden sozusagen vorgestellt. In den weiteren Kapiteln treten sie auch zu zweit oder zu dritt auf, allerdings jedesmal in einer anderen Reihenfolge und Konstellation. Vom Aufbau des Romans könnte man daher folgern, daß der Junge als Rahmen für den Handlungsablauf dienen soll.
Die Geschehnisse in dem Roman werden nur an einem ganz geringen Teil von einem Erzähler dargestellt, denn der personale Erzähler tritt so weit hinter die Charaktere, daß der Leser meint, das Geschehen durch die Augen der Romanfiguren zu sehen. Die Romandhandlung wird also fast nur durch die Perspektiven der 5 Hauptfiguren dargestellt, die die Handlung auch, meist in ihren Gedanken, kommentieren und bewerten. Auch die Personen selber werden fast ausschließlich von einer anderen beschrieben. Die Personen in dem Roman unterhalten sich auch sehr wenig miteinander, und so ist in der Darstellung von Gesprächen oft das Gesagte und Gedachte der Personen vermischt. Der größte Teil des Romans sind also Gedanken der Personen und Rückblicke, die Aufschluß über die Vorgeschichte geben.
Besonders auffallend ist die Isolation der Personen. So sind sie z. B. beim Eintritt in das Romangeschehen ganz für sich allein. Auch der Junge scheint sehr isoliert zu sein, er hat keine gleichaltrigen Freunde und streitet sich offenbar auch nur mit seiner Mutter. Auch zu Knudsen hat der Junge keine innere Beziehung aufgebaut, denn Erwachsene versteht er nicht und sie interessieren ihn auch nicht. Diese Einstellung ändert sich erst, als er merkt, daß Knudsen nachts heimlich jemanden über die Ostsee bringen will. "Toll, dachte der Junge, und so was macht Knudsen." (100) Gregor kommt zunächst allein nach Rerik, wo er Kontakt zu einem Parteigenossen aufnehmen soll, allerdings anonym und ohne eine menschliche Verbindung aufzubauen. Er fühlt sich einsam, von den Türmen Reriks beobachtet, und hat Angst, da er glaubt Verrat an der Partei zu begehen. Er ist der typische Einzelgänger. Auch als er merkt, daß er sich zu Judith hingezogen fühlt, versucht er, keine Beziehung aufzubauen, sondern verfolgt zielstrebig und gefühllos seinen Plan. Dieses emotionslose Planen ist für Gregor als illegaler Kurier auch lebensnotwendig. Seine Isolation bricht er während der Romanhandlung insofern auf, daß er andere (Judith und den Klosterschüler) rettet, ohne einen eigenen Vorteil davon zu haben, denn er merkt bald, daß diese fliehen müssen, er hingegen nur fliehen will. Judiths Situation ist noch viel schlimmer als Gregors, sie befindet sich ohne eigenen Willen zum ersten Mal und ohne Erfahrung in so einer Situation. Sie hat niemanden. Zurück nach Hamburg kann sie nicht, und in Rerik kann sie sich als Jüdin niemandem anvertrauen. Erst als sich Gregor am Abend am Hafen ihrer annimmt, ändert sich die Situation für sie. Auch Knudsen und Helander leben isoliert. Obgleich sie sich kennen, haben sie sich zuletzt vor vier Jahren gesprochen. Helander ist für Knudsen nur ein einfacher Pfaffe für die Bürger, und deshalb will er nichts mit ihm zu tun haben. Auch den Jungen, mit dem Knudsen täglich zusammen ist, kennt er kaum und hat auch kein Interesse daran, ihn kennenzulernen. "Keine Ahnung, ich weiß nicht, was diese Jungens heutzutage denken. Aber ich bin der Schiffer und er ist der Junge. Er hat keine Fragen zu stellen." (86) Nur zu seiner Frau Bertha hat er ein gutes Verhältnis. Aufgrund ihrer geistigen Verwirrtheit kann sie nur im eingeschränkten Sinne ein wirklicher Partner für ihn sein. Auch Helander ist allein, seine Frau ist früh gestorben und zu seiner Gemeinde hat er ein distanziertes Verhältnis. Selbst von Gott ist Helander alleine gelassen, denn er meint, Gott ist abwesend und fern. Wie auch Gregor akzeptiert er sein Alleinsein und sieht es als eine für ihn gemäße Lebensform. "Ich habe oft unter der Askese gelitten, aber wenn ich ehrlich bin, so war es besser, allein zu sein." (148) Die Gestalten des Romans sind also ohne soziale und emotionale Beziehung zueinander, vielleicht deshalb, weil jeder in hohem Maße mit sich selbst beschäftigt ist.
Andersch arbeitet viel mit Symbolen in seinem Roman. Ein besonders auffallendes Symbol ist "Der lesende Klosterschüler", der von Knudsen bloß als ein "Götze" betrachtet wird. Er ist aber Auslöser für die innere Wandlung Gregors, indem er ihm Gewißheit gibt, sich von der Partei zu lösen und selbst etwas zu machen. Beim ersten Hinblicken erkennt Gregor noch nicht die Bedeutung der Figur, sondern beginnt zunächst, sich mit ihr zu identifizieren. "Das sind ja wir, dachte Gregor. ... Genauso sind wir in der Lenin-Akademie gesessen und genauso haben wir gelesen, gelesen, gelesen." (43) Damit hat er aber die wahre Bedeutung der Figur verfehlt. Sie ist eben nicht das Abbild des bildungshungrigen Studenten der Lenin-Akademie, die kritiklos jedes Wort ihrer Meister aufnehmen. Beim weiteren Betrachten der Figur ändert Gregor daher seine anfängliche Meinung: "Aber dann bemerkte er auf einmal, daß der junge Mann ganz anders war. ... Er las genau. Er las in höchster Konzentration. Aber er las kritisch" (43). "Seine Arme hingen herab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht." "Gregor konnte sehr gut verstehen, warum die Anderen den jungen Mann nicht mehr sitzen und diesen lassen wollten. Einer, der so las wie der da, war eine Gefahr." (56) Der lesende Klosterschüler verkörpert somit die individuelle, kritische geistige Freiheit, die einen Widerstand gegen jede Art der Gewaltherrschaft bietet. Auch die Türme Reriks werden von fast jedem der Personen anders beschrieben, je nachdem, in welcher Situation und n welchem Gefühlszustand sich die beschreibende Person befindet. Somit haben die Türme für jede Person eine bestimmte Symbolik und Bedeutung. Judiths Mutter z. B. beschreibt sie als "wunderbare rote Ungeheuer, die man streicheln kann" (20), denn sie hatte 20 Jahre zuvor einen schönen Sommerurlaub in Rerik verbracht. Judith selber, die sich auf der Flucht befindet, sieht die Türme als "böse Ungeheuer" an, die eine Bedrohung für sie darstellen. Die Farbe der Türme symbolisieren Blut und Tod für sie. Gregor, der Verrat an seiner Partei begangen hat, wird von den Türmen an sein schlechtes Gewissen erinnert. Er fühlt sich von den Türmen beobachtet, und sie erscheinen ihm wie "rote Riesentürme, die Augen haben" (24). Auch der Mississippi und Sansibar haben eine Symbolik für den Jungen. Sie stellen einen Kontrast zu Rerik dar, das für den Jungen Enge und Abhängigkeit bedeutet. Deshalb ist auch die geographische Ferne wichtig, wodurch Sansibar als ein Ort der Freiheit vom Jungen angesehen wird und dem Roman sogar den Titel gibt, da die Flucht zur Freiheit das Hauptmotiv im Roman ist.
Inhalt
Analyse und Interpretation des Werkes "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch mit Zitaten und Seitenangaben. (1670 Wörter)
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03.02.2002 von LsD
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