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Mehr Beachtung für die Berichte Nordkoreas. Ein Kommentar.

Alles zu Aufsätze, Essays, Kommentare, BeschreibungenWarum den Berichten über Nordkorea mehr Beachtung geschenkt werden sollte
Ein Kommentar

Nordkorea ist ein Land, das man gerne vergisst und verdrängt. Ein unsichtbares Land, von dem man nicht viel weiß, außer dem, was offiziell berichtet wird. Dass sich dort täglich Tragödien und Menschenrechtsverletzungen abspielen, davon hört und liest man relativ wenig. Diesem Staat räumt man nicht viel Platz in der Berichterstattung ein, was vielleicht auch gerechtfertigt ist. Jedoch die Bewohner und deren Geschichten sollten in Europa viel mehr Gehör finden.

Zunächst einmal die wichtigsten offiziellen Fakten. Nordkorea bezeichnet sich als Demokratische Volksrepublik und zählt um die 25 Millionen Einwohner. Ihre Währung ist der Won. Ihre Nachbarn sind im Norden China, im Nordosten Russland und im Süden das völlig konträr orientierte Südkorea. Hauptstadt ist Pjöngjang. Das Staatsoberhäupter ist der bereits verstorbene "ewige Präsident" Kim Il-sung und der "Oberste Führer" Kim Jong-un. Es wird hinsichtlich der beiden erwähnten Namen ein Personenkult betrieben. Nordkorea schreibt 2014 das Jahr 103 nach Kim Il-sungs Geburt.
Wer es noch "offizieller" mag, der besuche die Seite korea-dpr.com, die offizielle Homepage von Norkorea. Dort ist in englischer Sprache nachzulesen, dass die Demokratische Volksrepublik Korea ein echer Arbeiterstaat sei, in dem alle Menschen frei von Ausbeutung und Unterdrückung seien, der die Interessen seiner Arbeiter, Bauern, Soldaten und Intellektuellen verteidigt. In Wahrheit verhungern Arbeiter und deren Kinder, Bauern arbeiten großteils mit Muskelkraft und bedienen sich noch des Ochsenkarrens. Soldaten werden aufgrund eines Generalverdachts hingerichtet. Und Universitätsstudenten aus Nordkorea haben noch nie etwas von Nelson Mandela gehört. Beim Thema Gründung der Volksrepuplik Korea ist auf der Homepage nachzulesen, dass die Menschen vor Freude über die Befreiung durch Präsident Kim Il-sung gefeiert hätten. Als 1948 die Wahl der Abgeordneten der Obersten Volksversammlung abgehalten wurde, hätte die gesamte Nation mit Begeisterung reagiert und sich zu 99,97 (!) Prozent an der Wahl beteiligt. Was den zweiten Weltkrieg betrifft erzählt uns Nordkorea über die unvergleichliche Tapferkeit der Koreanischen Volksarmee, von Opfermut und Heldentum beim Kampf gegen die "arroganten US-Imperialisten". Hier wird der Hass auf das US-Regime sichtbar. Auch nachzulesen ist, dass jeder Bürger in Nordkorea Religionsfreiheit genieße. Im Weltverfolgungsindex von Opendoors findet man jedoch in der Statistik Nordkorea auf Platz Eins, wenn es um Christenverfolgung geht. Vor kurzem lobte sich Nordkorea selbst in einem eigens entworfenen Menschenrechtsbericht. Die Propagandamaschine läuft und läuft unaufhaltsam.

Was aber erfährt man über dieses Land, ohne sich die Arbeit der Recherche anzutun? Die letzte Meldung, die wohl die meisten von uns mitbekommen haben, war, dass Kim Jong-un sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Das war Anfang September. Dann tauchten hier und da Berichte über eine mögliche Krankheit des Diktators auf. Erst, als er sich wieder in der Öffentlichkeit zeigte, nahmen alle Zeitungen diese neue Schlagzeile wieder auf. Der flüchtige Leser hat also folgende Informationen bekommen: Kim Jong-un hat an öffentlichen Auftritten etwas über einen Monat nicht teilgenommen. Vielleicht war er krank. Der Diktator hat im Oktober wieder an öffentlichen Auftritten teilgenommen. Punkt.
Diejenigen unter uns, die sich ein wenig mehr für das Thema interessieren und sich die Arbeit der Recherche antun, stoßen dann doch auf einige interessante Artikel. Beispielsweise ist da von "Säuberungen" die Rede, die Kim Jong-un regelmäßig durchführen soll. Es gibt sogar ein Gerücht, nach dem der Diktator in seiner Abwesenheit von der Öffentlichkeit etliche enge Vertraute hingerichtet haben soll. Laut der Zeit online, die einen Diplomaten aus ostasiatischen Kreisen zitiert, seien "gewisse Dinge im Gange". Sogar von einem Machtwechsel wurde fantasiert. Ein anderer ranghoher nordkoreanischer Diplomat hätte nach der schweizer Newsplattform 20min.ch indirekt zugegeben, dass es in Nordkorea Arbeitslager geben soll. Jegliche Art von Kritik werde in diesem Land mit Arbeitslager, Folter und Mord bestraft. Offiziell sprach man davon, dass "politische Gefangene und Kriminelle dort ihre Mentalität verbessern und ihr Fehlverhalten überdenken" könnten. Das Geld wird für Soldaten und die Propagandamaschine investiert während die Menschen hungern.

Wem es interessiert, kann sich die Galileo Spezial-Dokumentation mit dem Titel "Das Leben in Nord Korea" auf Youtube ansehen. Hier spürt man sogar als Zuseher die dort herrschende Stimmung. Die Straßen und Städte sind grau und vollkommen leer. Der Staat bestimmt, wer ein Auto fahren darf. Offiziell aufgrund des Umweltgedankens, der hier ganz groß geschrieben werde. Sehr aufschlussreich ist das für das Reporterteam eigens inszenierte Picknick mitsamt Auftritt eines Opernsängers und Tanzperformance einiger Tänzer und Schauspieler in einem Park in Pjöngjang. Laut der nordkoreanischen Begleiterin des Teams sei das völlig normal. Wenn man glücklich sei, mache man das so in Nordkorea. Hier wird dem Zuschauer wieder bewusst, dass die Propagandamaschine läuft. Und wie sie läuft. Rundherum bleibt die Stadt weiterhin in ihr eigentümliches, Angst einflößendes Grau gehüllt.
Auch die Fotografien von Nationalgeographic Online zeigen ähnliche Szenarien. Leere Straßen, ein übermächtiges Militär, schuftende Bauern ohne Arbeitsgerät. Des Nachts verbirgt sich das graue Gesicht Nordkoreas in der Dunkelheit. Einzig das Portrait von Kim Jong-un ist beleuchtet.

Laut Amnesty International gibt kein Staat weniger Geld für Gesundheit aus als Nordkorea. Aufgrund fehlender Betäubungsmittel wird ohne Narkose amputiert. Aufgrund des immer wieder ausfallenden elektrischen Stroms wird bei Kerzenlicht operiert.

Was wissen wir über diesen Diktator namens Kim Jong-un? So gut wie nichts. Er ist entweder 1983 oder 1984 geboren. Er hat vielleicht unter falschem Namen eine schulische Ausbildung in der Schweiz genossen. Er war angeblich mit einer Frau verheiratet, die vielleicht 1989 geboren wurde und angeblich Tänzerin gewesen sein könnte. Angeblich ist sie hingerichtet worden. Außerdem ist Kim Jong-un angeblich Vater einer angeblich 2012 geborenen Tochter. Alles sehr geheimnisvoll.
Er soll laut Medienberichten seinen Onkel bei lebendigem Leib 120 ausgehungerten Hunden zum Fraß vorgeworfen haben. Außerdem hat er Jeffrey Foley inhaftieren lassen, weil er eine Bibel auf der Toilette liegengelassen haben soll.
Kim Jong-un wurde 2012 von dem US-Satireblatt "The Onion" mit dem Titel "Sexiest Man Alive" gekürt. China ist promt auf die Satire hineingefallen und gratulierte dem Diktator zu seiner Auszeichnung.

Wer selten bis niemals zu Wort kommt, sind die Menschen, die in diesem Land leben müssen. Was man hört, ist sehr leise, da die Mehrheit darüber schweigt, was nicht leicht auszusprechen ist. "Unmenschlich, beklemmend, leblos, funktionale und leicht austauschbare Städte", so beschreibt eine ehemalige Elite-Lehrerin aus Nordkorea in Focus Online das Land.
Ein ehemaliger Oberst aus Nordkorea, der desertieren musste, erzählt im Spiegel Online von dem riesigen Abhörapparat des Geheimdienstes, welcher genau weiß, wer seine Frau betrogen oder ein kritisches Wort geäußert hat. Kinder müssten öffentliche Hinrichtungen mitansehen. Es würde extra dafür Pause gemacht werden. Davon spricht auch Yenomi Park, eine junge nordkoreanisch Frau mit dem Aussehen eines kleinen Mädchens. Sie berichtet davon, wie sie als Kind mitansehen musste, wie eine Freundin ihrer Mutter erschossen wurde, weil sie angeblich ausländische Filme gesehen und verbreitet hätte. Als sie mit ihrer Mutter floh, weil der Vater inhaftiert wurde, wurde die Mutter von den Schleppern vergewaltigt. Auch das vor den Augen der damals 12-jährigen. Bis zu ihrer Flucht kannte sie nur einen einzigen Radio- und einen Fernsehsender. Ausländische Zeitungen, Filme und Musikstücke seien ebenso verboten wie Radios, an denen man den Sender selbst einstellen kann. Dafür dachte sie lange Zeit, Kim Jong-un könnte sogar ihre Gedanken lesen. Und die Mäuse seien Spione. Ihre Mutter hätte sie bereits als Kind angehalten "nicht einmal zu flüstern".

Nach all diesen Berichten ist klar, hier läuft tatsächlich etwas völlig falsch. Man kann sich vorstellen, dass Nordkorea eine stalinistische Diktatur ist und warum es in Wikipedia als "das weltweit restriktivste politische System der Gegenwart" bezeichnet wird.

Wer den Erzählungen einfacher Menschen keinen Glauben schenken möchte, der lese den Bericht der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, die in einem 400 Seiten umfassenden Bericht eine Masse von Menschenrechtsverletzungen wie beispielsweise Folter, Arbeitslager, Versklavung, Mord, systematischer Vergewaltigung, Zwangsabtreibungen, planmäßigen Einsatz von Mangelernährung, Säuberungen und Verfolgung aus politischen Gründen dokumentiert hat. Sie startet an EU und China einen "Dringenden Aufruf zum Handeln". Der Report ist in englischer Sprache im Internet abrufbar.

Wir müssen den Erzählungen der Nordkoreaner mehr Gehör verschaffen. Nicht nur in den Medien sollte mehr davon berichtet werden, sondern auch in den Schulen sollte Nordkorea auf dem Lehrplan stehen. Es ist das noch lebende Beispiel einer menschenverachtenden Diktatur. Dort wird die Psychologie von Propaganda nachvollziehbar. Man bekommt ein Gefühl dafür, welche Ängste die Menschen dort ausstehen müssen. Und was sie auf sich nehmen, um zu überleben. Die Angst, etwas falsch zu machen, etwas Falsches zu sagen oder sogar nur zu denken. Sogar das Lächeln einer Lehrerin hat in Nordkorea etwas Furchterregendes. Es ist wichtig, dass wir alle, die wir uns privilegiert nennen dürfen, hinsehen. Um nicht zu vergessen. Deshalb muss darüber mehr gesprochen und noch mehr geschrieben werden. Gegen das Vergessen. Gegen das Nichtwissen. Es ist für den einzelnen auch eine Möglichkeit, etwas zu tun. Zunächst einmal nur hinzusehen. Verstehen. Denn nur wer versteht, kann tatsächlich eine Veränderung mitbewirken. Wer nicht versteht, bleibt ewig stumm.





http://www.nationalgeographic.de/reportagen/fotostrecke-hinter-den-kulissen-nordkoreas?imageId=1
http://www.focus.de/politik/ausland/nordkorea/saeuberungswelle-in-nordkorea-kim-jong-un-soll-weitere-vertraute-hingerichtet-haben_id_4225130.html
http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-10/kim-jong-un-nordkorea
http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-kim-jong-un-krank-schwester-uebernimmt-a-996243.html
http://www.20min.ch/ausland/news/story/Nordkorea-raeumt-Existenz-von-Arbeitslagern-ein-15226060
http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-festgehaltener-us-buerger-jeffrey-fowle-frei-a-998506.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-festgehaltener-us-buerger-jeffrey-fowle-frei-a-998506.html
https://www.opendoors.de/verfolgung/weltverfolgungsindex2014/weltverfolgungsindex2014/
http://www.huffingtonpost.de/2014/10/23/nordkorea-abgeschottet_n_6033380.html
http://www.focus.de/politik/videos/gehirnwaesche-in-nordkorea-elite-lehrerin-spricht-offen-von-unheimlichem-kult-um-kim-jong-il_id_4222184.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-interview-mit-ex-geheimdienst-choe-ju-hwal-a-995548.html
http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Panorama/d/5581950/-dort-geschieht-ein-holocaust-und-die-welt-schaut-zu-.html
http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-festgehaltener-us-buerger-jeffrey-fowle-frei-a-998506.html
http://www.amnesty.ch/de/laender/asien-pazifik/nordkorea/dok/2010/gesundheitssystem-kurz-vor-dem-kollaps
http://www.arcor.de/content/aktuell/kolumne/1781228,1,Wedeln-mit-Kim%3A-Nichts-Neues-im-neuen-Jahr,content.html
http://www.igfm.de/nordkorea/
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Warum wir den Berichten zu Nordkorea mehr Beachtung schenken müssen. Ein Kommentar zu den Gräueltaten einer stalinistischen Diktatur. (1681 Wörter)
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