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Facharbeit: Reiner Kunze - „Clown, Maurer oder Dichter“ Analyse vom Autismus des Jungen

Alles zu Reiner Kunze  - Fünfzehn

Reiner Kunze - „Clown, Maurer oder Dichter“-


Ein Werk, welches ausschließlich den Autismus eines Jungen thematisiert?




Eingereicht von Mara Herschel
am 29. November 2019
Tutorin Frau Bruch

Diese wissenschaftliche Übung handelt von der Kurzgeschichte „Clown, Maurer oder Dichter“ von Reiner Kunze, erschienen im Jahre 1976. Auf den ersten Blick scheint diese Kurzgeschichte ausschließlich den Autismus eines Jungen zu thematisieren. Angesichts der Tatsache, dass der Vater seinem Sohn eine unpräzise Aufgabe stellt, scheint diese Deutungshypothese zu kurzgefasst und sehr oberflächlich. Daher werde ich im Rahmen einer Analyse und Interpretation diese Deutungshypothese der Kurzgeschichte widerlegen. Zur Unterstützung meiner Analyse und Interpretation nehme ich mir die Analyse von Marina Gerwien zu Hilfe. Diese Kurzgeschichte wurde bisher wenig in der Forschungsliteratur interpretiert und analysiert.

Die Kurzgeschichte „Clown, Maurer oder Dichter“ von Reiner Kunze, welche in dem Buch „Die wunderbaren Jahre“ (1976) erschien, greift die Problematik eines Alltags von Vater und Sohn auf, die sich missverstehen. Der Vater erteilt seinem zehnjährigen Sohn die Aufgabe, den Kartoffelkuchen auf einen Kuchenteller zu legen. Dabei ist der Vater mit seiner Wortwahl unpräzise, denn er meinte eine Kuchenplatte. Der Junge führt seine Aufgabe wortgetreu durch, nachdem er sich bei dem Vater vergewisserte. Nachdem der Vater seine Freunde begrüßt, die er zum Kuchenessen eingeladen hat, ist er empört über die Ausführung der Aufgabe. Sein Sohn hat den Kartoffelkuchen in winzige Stücke geschnitten und mit diesen einen Turm auf einem untertassengroßen Kuchenteller errichtet. Der Vater fängt an zu schimpfen und stellt die beruflichen Zukunftschancen seines Sohnes in Frage. Sein Sohn hält diese Kritik für nicht gerechtfertigt, da er die Aufgabe des Vaters wörtlich genommen habe und entgegnete: „er passe doch“. Die Freunde des Vaters ordnen dem Sohn kreative Berufe zu. Seine „schöpferische Ausdauer“ und „sein Mut zum Niegesehenen“ ermöglichen ihm Künstler zu werden. Außerdem nennen die Gäste noch die Berufsmöglichkeit im Zirkus und des Maurers. Zusätzlich wird dem Sohn der Beruf des Soldaten zugeordnet, da er egal wie idiotisch der Befehl ist, ihn ausführt oder das Idiotische am Befehl kaschieren könne. Der Vater unterbrach seine Freunde, weil er hoffe, sein Sohn würde den Beruf des Soldaten nicht wahrnehmen. Daraufhin sucht der Junge Rat bei seiner Schwester, welchen Beruf er wählen soll. Da er es nicht mit vorgesetzten wie seinem Vater zu tun haben wolle, schließt er den Beruf des Soldaten gleich wieder aus. Als Schlusssatz merkt der Vater als Erzähler nochmal an, dass er ab jetzt nachdenke wer zu Gast ist, bevor er seine Kinder kritisiere.
Reiner Kunze ist seit 1962 freiberuflicher Schriftsteller. Davor musste er seine Universitätslaufbahn in Leipzig als Philosoph und Journalist 1959 aus politischen Gründen abbrechen. Der Schriftsteller ist dafür bekannt, die menschliche Seite in politischen Fragen immer wieder zu hinterfragen. In dem Buch mit dem ironischen Titel „Die wunderbaren Jahre“ (1976) äußert sich Kunze über das unmenschliche sozialistische Regierungssystem der DDR. Kunze schrieb Geschichten über den Alltag der Jugendlichen. Nach der Erscheinung des Buches wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen und zum Staatsfeind erklärt. Daraufhin siedelte Kunze in die BRD über. Reiner Kunze wurde mit vielen Preisen geehrt, wie zum Beispiel mit dem „Georg- Büchner- Preis“ und dem „Georg - Trakl- Preis“ 1976, nach der Erscheinung des Buches „Die wunderbaren Jahre“ .
Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg wird zum historischen und politischen Ausgangspunkt der modernen deutschen Kurzgeschichte. „Nach 12 Jahren faschistischer Diktatur schreibt man sich frei, werden die Dinge beim Namen genannt, wird das Leben so beschrieben, wie es ist. “ Reiner Kunze thematisiert den Krieg mit Hilfe des Soldaten. Der Vater in der Geschichte hat selbst einen Kriegshintergrund. Dies wird zum Ende hin betont, als der Vater den Jungen sagen hörte, dass er kein Soldat werden wolle, da er es dann mit Vorgesetzten wie seinem Vater zu tun habe. Ausschlaggebend für diese Kurzgeschichte ist, dass Ende der 50er-Jahre, Beginn der 60er- Jahre neue Themen wie Kommunikationsstörungen und zwischenmenschliche Beziehungen in den Vordergrund rücken. Auf diesen Themen basiert die Kurzgeschichte von Reiner Kunze, aber darauf gehe ich in der Analyse näher ein. Meistens gibt es keine Hinführung und Einleitung. Die Leserin wird direkt in die Handlung versetzt. Es gibt eine leichte Hinführung zum Thema aus der Perspektive des Vaters. Dennoch hat die Leserin keine Hintergrundinformationen, wie z. B. die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist oder ob das Kind eine Entwicklungsstörung in sich trägt. Ein weiteres Merkmal von Kurzgeschichten ist, dass die Protagonisten keine Helden sind, sondern alltägliche Menschen. Dieses ist auf diese Kurzgeschichte zutreffend. Die Kurzgeschichte lässt sich als Brennpunkt verstehen, „der nur eine einzige, oft banale und alltägliche Situation aus dem Strom des Geschehens grell heraushebt, um ihre verborgene Bedeutsamkeit offenbar zu machen“ . Die Kurzgeschichte handelt von einer sehr banalen Alltagssituation zwischen einem Vater und seinem Sohn. Franz- Josef Thiemermann definiert manche Kurzgeschichten so, dass sie zunächst einen alltäglichen Vorgang beinhalte, welcher dann durch ein unvorhergesehenes Schicksal in sein Gegenteil verkehrt werden würde. Somit wird der Mensch in der Kurzgeschichte durch ein einzelnes schicksalhaftes Ereignis in seinem Wesen verwandelt. Des Weiteren handelt es sich bei der Geschichte um eine Kurzgeschichte, da sie nur einen Ausschnitt des Lebens darstellt. Die Leserin weiß somit nichts über die Vergangenheit und die Zukunft der Protagonisten. Zusätzlich sei diese Kurzgeschichte in einer einfachen, dennoch nicht banalen Sprache geschrieben. Somit stelle die Kurzgeschichte hohe Anforderungen an die Leserin, da man immer aufmerksam sein solle, da jeder einzelne Satz für das Verständnis wichtig sei. Heinrich Böll definierte Kurzgeschichten in einem Interview so, dass sie die gegenwärtige Zeit widerspiegeln würden, und trotzdem zeitlos seien. Die Kurzgeschichte von Reiner Kunze ist durch den Beruf des Soldaten für die Nachkriegszeit definiert, dennoch könnte sie auch in einer anderen Zeit entstanden sein, da der Beruf eines Soldaten immer präsent ist.

Die Kurzgeschichte ist in der Ich-Perspektive aus der Sicht eines Vaters geschrieben. Zu Beginn gibt es viele hinleitende Sätze des Erzählers, welche das Missverständnis zwischen dem Vater und seinem Sohn erläutern sollen (s. o.). Die Leserin wird schnell an die Situation herangeführt, in dem der Erzähler die Aufgabe an seinen Sohn beschreibt. Der Vater wirkt genervt, vielleicht etwas verzweifelt. „Kann man denn aber von einem zehnjährigen Jungen nicht erwarten, dass er weiß, was gemeint ist, wenn man Kuchenteller sagt?“ . Als Leserin bekommt man den Eindruck, es sei klar, dass der Junge die Schuld für seine falsche Ausführung trägt. Marina Gerwien bemerkt ergänzend in ihrer Analyse, dass der Vater Frust habe, weil er seine Rolle als Gastgeber nicht wie gewünscht ausführen könne. Dieser Aussage stimme ich zu, da der Vater den Jungen zurechtwies. Aber trägt der Sohn wirklich soviel Schuld? Immerhin vergewisserte sich der Sohn, ob er allen Kuchen auf den Teller legen solle. Und der Vater bestätigte dies. Da dieser Satz schnell überlesen werden oder nicht für wichtig empfindet werden kann, wird der Ärger des Vaters nachvollziehbar. Somit denkt man beim Lesen, dass der zehnjährige Sohn eine Entwicklungsstörung in sich trägt, da er die Aussage, den Kuchen auf den Teller zu legen, wortwörtlich nimmt, obwohl es für den Vater und für die meisten Menschen klar wäre, die große Kuchenplatte zu nehmen. Autisten können soziale und emotionale Signale in einer Kommunikation aber nur schwer einschätzen. Später diskutieren die Gäste des Freundes über die verschiedenen Zukunftschancen des Sohnes. Der eine sieht ihn als Künstler, der andere als Soldat und Maurer. Sie sehen das Potenzial des Jungen und verurteilen ihn nicht. Da die Freunde des Vaters eher positiv über die Ausführung des Jungen reagieren und eben nicht ironisch, wird deutlich, dass die Zurechtweisung des Vaters übertrieben ist. Schließlich verteilte er eine unpräzise Aufgabe mit einer Erwartungshaltung, die der Sohn nicht erfüllen kann. Somit wird klar, dass der Vater und der Sohn eine unterschiedliche Definition von dem Wort „Teller“ haben und es zu einem Missverständnis kommt. Reiner Kunze setzt die Ausführung eines wörtlichen Befehls ohne Interpretation und Kreativität mit dem damaligen Soldatenkodex gleich. Dichter und Künstler werden als das Gegenteil von dem Befehlskodex des Soldaten geäußert. Spätestens nach der Berufszuordnung der Gäste wird deutlich, dass die in der Einleitung vorgestellte Deutungshypothese weiter gefasst werden sollte. Marina Gerwien geht in ihrer Analyse stark auf den historischen Kontext der Kurzgeschichte ein. Sie ist der Meinung, dass Reiner Kunze mit seinem Denkbild die Missstände der DDR darstellen wolle. Auf den sozial- geschichtlichen Hintergrund, den Marina Gerwien thematisiert, werde ich in dieser Interpretation nicht weiter eingehen. Marina Gerwien findet, dass Reiner Kunze die Übertreibung als sprachliches Mittel nutzte. Mit dieser Aussage gebe ich ihr Recht, da er somit die gesellschaftliche Situation der DDR verdeutlichen kann. Generell benutzt der Autor die Alltagssprache und es gibt einen ständigen Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede. Am Anfang ist ein hypotaktischer Satzbau zu erkennen.
Schlussendlich kann ich sagen, dass die Deutungshypothese unpräzise und somit nicht haltbar ist. Der Vater und sein Sohn haben eine unterschiedliche Definition von dem Wort „Teller“ und somit gibt es ein Missverständnis. Die Deutungshypothese ist widerlegt: In der Kurzgeschichte wird nicht ausschließlich der Autismus eines Sohnes thematisiert, sondern dies wird genutzt, um die Erwartungshaltung des damaligen Soldatenkodex zu veranschaulichen. Der Sohn führt die Aufgabe wortgetreu durch. Der Vater hat eine Erwartungshaltung gegenüber dem Sohn und erwartet somit, dass sein Sohn die Aufgabe nicht wortgetreu durchführt, sondern wie man es in der Gesellschaft kennt. Und zwar dass der Kuchen auf einen großen Kuchenteller gehört. Letztendlich äußert sich Kunze damit gegen Befehle, wie sie in dem zweiten Weltkrieg und auch danach typisch waren.
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Kunze, Reiner: Die wunderbaren Jahre Prosa, Frankfurt am Main 1987, (31. Auflage) 2005, S.18-20
Sekundärliteratur
Böll, Heinrich: Interview. In: Horst Bienek: Werkstattgespräche mit Schriftstellern. Carl Hanser Verlag München, 1962, o.S.
Horst Neumann, Peter: Wertsache Buch: „Die wunderbaren Jahre“ von Reiner Kunze. In: Heiner Feldkamp (Hrsg.): Reiner Kunze Materialien zu Leben und Werk, Frankfurt am Main 1987, S.220
Matzkowski, Bernd: Wie interpretiere ich Fabeln, Parabeln und Kurzgeschichten? (2. Auflage) o.O. 1999, S. 78 und 79
Reich-Ranicki, Marcel: Für Kurzgeschichten muß man Zeit haben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt 17.9.1977, o.S.
Schnurre, Wolfdietrich: Kritik und Waffe. Zur Problematik der Kurzgeschichte. In: Deutsche Rundschau 87, o.O. (1961) Heft1, S.61.66
Thimermann, Franz-Josef: Kamps pädagogische Taschenbücher. In: Kurzgeschichten im Deutschunterricht. Bochum (1984), S. 10 und 13
Internetquellen
URL:http://www.whoswho.de/bio/reiner-kunze.html, zuletzt aufgerufen am
18.11.2019
URL: https://www.grin.com/document/99687, zuletzt aufgerufen am 1.11.2019
URL:https://www.autismus.de/was-ist-autismus.html, zuletzt aufgerufen am 19.11.2019
Inhalt
Facharbeit in Deutsch: Reiner Kunze - „Clown, Maurer oder Dichter“-
Ein Werk, welches ausschließlich den Autismus eines Jungen thematisiert? (1794 Wörter)
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26.03.2020 von Mara.h
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