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Interpretation "Über glitzernden Kies" von Else Lasker-Schüler

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Interpretation "Über glitzernden Kies"



Das Gedicht "Über glitzernden Kies" wurde von Else Lasker-Schüler 1943 geschrieben und ist der Exillyrik zuzuordnen. Es geht um die Gedanken eines von Heimweh geplagten lyrischen Ichs.
Die Autorin wurde 1869 als Enkelin eines Rabbiners in Wuppertal-Elberfeld geboren und starb 1945 in Jerusalem in ärmlichen Verhältnissen. Ihr Leben war geprägt durch ihre Flucht nach einem Publikationsverbot 1933 in die Schweiz und 1937 nach Jerusalem.

"Über glitzernden Kies" besteht aus 6 Strophen mit je 3 Versen. Darüber hinaus ist kein regelmäßiges Reimschema im Text zu erkennen.

Das Eingangs erwähnte Heimweh wird in Else Lasker-Schüler's Werk an vielen verschiedenen Stellen durch rhetorische Mittel ausgedrückt. Dies geschieht schon zu Beginn durch die Gedanken: "Könnt ich nach Haus (...)" (Vgl. Z. 1), die ein starkes Verlangen nach Heimat ausdrücken. Es ist zu beobachten, dass dieser Wunsch stetig wechselnd auf sehr direkte, wie im eben angeführten Zitat, bzw. auf deutlich diskretere Art und Weise dem Leser nahegebracht wird: "Die Lichte gehen aus (...)" (Vgl. Z. 2). Die "Lichte" sind hier das verdinglichte Leben der Bewohner des Hauses des lyrischen Ichs, die sinnbildlich ausgehen. Übertragen auf die Menschen steht dies für ihr Ableben. Diese Interpretation wird auch durch den Inhalt des folgenden Verses: "Erlischt ihr letzter Gruß." (Vgl. Z. 3), bestätigt. Hier werden wiederum die "Lichte" personifiziert und ihre Leuchtkraft mit dem Gruß eines Menschen verglichen. Die Essenz dieser ersten Strophe ist daher der durch Metaphorik dargestellte Tod, der auch im weiteren Verlauf des Gedichtes eine zentrale Rolle spielt.

Durch die direkt an den Leser gerichtete Frage: "Wo soll ich hin?" (Vgl. Z. 4), wird der Fokus wieder auf die Verzweiflung des lyrischen Ichs gesetzt, nachdem es in der ersten Strophe in den Erinnerungen an alte und bessere Zeiten geschwelgt hat. Diese Verzweiflung zeigt Parallelen zu der Else Lasker-Schüler's, nachdem sie aufgrund ihres Publikationsverbotes in einem nationalsozialistischen Deutschland in die Schweiz geflohen war. Diese Tatsache legt den Schluss nahe, dass es sich bei dem lyrischen Ich um die Autorin des Gedichtes handelt. Diese These wird im folgenden Vers: "Oh Mutter mein, weißt du's?" (Vgl. Z. 5), unterstützt, da Else Lasker-Schüler ihre Mutter seit ihrer frühsten Kindheit als zentrale Bezugsperson und somit Mittelpunkt ihres Lebens wahrgenommen hat. Es ist anzunehmen, dass sie aufgrund ihres Status als Wunderkind in ihrer Familie, den sie zweifellos wegen ihrer schon im Kleinkindalter herausragend ausgeprägten Fertigkeiten innehatte, eine besondere Zuneigung durch ihre Eltern und insbesondere durch ihre Mutter bekam, da ihr Vater durch seine Tätigkeit als Privatbankier weniger Zeit hatte (Vgl. Wikipedia: Else Lasker-Schüler). Der Tod ihrer Mutter setzte ihr höchstwahrscheinlich sehr zu, da der Mutterfigur in Else Lasker-Schüler's Gedichten meist eine sehr zentrale Rolle zukommt. Somit ist auch die wiederholte, starke Bezugnahme auf ihre Mutter in "Über glitzernden Kies" nicht verwunderlich, da das lyrische Ich verzweifelt ist und sich deshalb wohl auf wichtige Konstanten seines Lebens bezieht.
Der "gestorbene Garten" (Vgl. Z. 6) personifiziert den Garten, in dem sich das Haus des lyrischen Ichs befindet. Nimmt man an, dass das Haus für den engsten Familienkreis steht, so könnte der Garten für den Verwandten- und Bekanntenkreis des lyrischen Ichs stehen, der ebenso wie der engste Familienkreis gestorben ist.
Das Chaos und die nach dem Tod aller wichtigen Bezugspersonen sowie der Vertreibung aus den eigenen vier Wänden entstehende depressive Stimmung vom lyrischen Ich wird metaphorisch durch einen "im Winkel" liegenden "grauen Nelkenstrauß" "im Elternhaus" (Vgl. Z. 7,8) beschrieben. Die durch die Farben des Nelkenstraußes, der während seiner Blüte bunt ist, dargestellte Lebenslust geht über in ein tristes, farbloses Leben. Dieser Totalverlust eines schönen Lebens wird in seiner Tragik noch einmal gesteigert durch sein wahrscheinlich langjähriges Bestehen, das den Verlust erheblich verschlimmert. Diese lange schöne Zeit in der Vergangenheit wird ausgedrückt durch die "große Sorgfalt", die der "graue Nelkenstrauß" sich in seinem metaphorisch für die Menschen stehenden Leben "erworben" hat (Vgl. Z. 7,9). Eben diese Sorgfalt muss über eine lange Zeit aufgebaut werden, da es sonst keine Sorgfalt gäbe.
Die Trostlosigkeit, die durch den Nelkenstrauß ausgedrückt wird, ist wie eben aufgeführt ein Zeichen für eine traurige Seele. Eine solche Seele wirkt in der Regel auf andere Menschen alles andere als anziehend, sodass ein trauriger und trister Ort kein Symbol für das wohlige Gefühl, Zuhause zu sein, ist. Diese Tatsche wird von Else Lasker-Schüler durch ihre Beschreibung der früheren Funktion des Nelkenstraußes gezeigt: "Umkränzte das Willkommen an den Toren (...)" (Vgl. Z. 10). Diese Beschreibung regt die Vorstellungskraft des Lesers an, der sich automatisch ein herrschaftliches Eingangstor mit blühendem sowie komplett vertrocknetem und grauem Blumenschmuck vorstellt und somit die abstoßende und deprimierende Wirkung des letzteren zu spüren bekommt. Genau dieses Gefühl musste auch die Autorin mutmaßlich häufig ertragen. Diese Empfindung beim Leser verstärkt Lasker-Schüler nochmals durch die Erinnerung des lyrischen Ichs an farbenfrohere und bessere Zeiten: "Und gab sich ganz in seiner Farbe aus." (Vgl. Z. 11). Die Reaktion auf dieses grausame und nahezu alle Sinne betäubende Gefühl ist die Besinnung aufs Wesentliche, also die Institution, die für das lyrische Ich am meisten Halt und Sicherheit bietet, seine Mutter: "Oh liebe Mutter! ...." (Vgl. Z. 12).
Da diese der Schilderungen nach nicht mehr existiert, folgt wieder eine Abwendung von der Realität, die sich in einem erneuten Durchleben von schönen Erinnerungen äußert: "Versprühte Abendrot (...)" (Vgl. Z. 13). Dieses Verhalten lässt sich durch die meist unbewusste Erkenntnis, dass die Bedeutung von Werten auf der Welt stetig abnimmt und Krieg an dessen Stelle tritt, erklären. Das lyrische Ich versucht dieser Tatsache durch seine Gedanken an frühere Zeiten konstant auszuweichen, was am Ende allerdings misslingt. Es wird sich nämlich dessen bewusst: "Am Morgen weiche Sehnsucht aus." (Vgl. Z. 14). Danach folgen im Vergleich zum bisherigen Gedichtverlauf "harte" Worte, die die Realität des lyrischen Ichs beschreiben. "Bevor die Welt in Schmach und Not. Ich habe keine Schwestern mehr und keine Brüder. Der Winter spielte mit dem Tode in den Nestern Und Reif erstarrte alle Liebeslieder." (Vgl. Z. 15-18). Dieses Zitat als eigenen Satz ohne jegliche Erklärungen stehen zu lassen ist bewusst. Diese Worte geben die unverblümte Realität wieder. In keinem Vers zuvor ist jegliche Hoffnung nicht existent. Diese 4 Verse stehen zusammenfassend für die gesamte Zeit des NS-Regimes und seine Auswirkungen auf Verfolgte. "Der Winter" (Vgl. Z. 17) ist ja bekanntlich die härteste Jahreszeit und steht in dem Zusammenhang metaphorisch für das härteste Regime, das sich der Leser nur vorstellen kann. Das diese Jahreszeit hier personifiziert wird und mit "dem Tode in den Nestern" (Vgl.Z. 17) spielt, steht für die nicht vorhandene Menschlichkeit in den Handlungen des NS-Regimes. Diese beim Namen zu nennen würde ihrer Gräueltaten nicht gebühren. Diese Metaphorik wird auch durch den Inhalt des nächsten Verses: "Und Reif erstarrte alle Liebeslieder." (Vgl. Z. 18), weitergeführt. Der Reif wird hier ebenfalls personifiziert und steht für die Vernichtung vieler glücklicher Familien durch das NS-Regime, wie der der Autorin.

Meiner Meinung nach ist "Über glitzernden Kies" ein herausragendes Werk an Exillyrik. Zu dieser Einschätzung komme ich, da die Irrrationalität der Gedanken von Flüchtlingen dem Leser begreifbar gemacht wird. Und nur so kann sie ihre Aufgabe, nämlich das Bewahren der nächsten Generation vor einem erneuten Begehen solch grausamer Taten in vollem Maße erfüllen. Die einzige Kritik an Else Lasker-Schüler's Werk ist die in meinen Augen nicht konsequente Verwendung von Reimen. Sie nutzt diese sowohl für die irrationalen Gedanken des lyrischen Ichs, als auch für die "harte" Beschreibung der Realität. Eine stärkere Abgrenzung dieser in ihrer Natur vollkommen verschiedenen Gedanken, z.B. durch Reime wäre wünschenswert.
Inhalt
Interpretation des von Else Lasker-Schüler verfassten Gedichtes "Über glitzernden Kies" als Hausarbeit im Deutsch-LK. (1301 Wörter)
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11.06.2015 von JulianD
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