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Reichstagsreden von Strasser und Hoegner analysiert (Klausur)

Alles zu Weimarer Republik

Geschichtsklausur: Krise der Weimarer Republik



Aufgabenstellung / Matrialien / Lösung

Aufgabenstellung:
Interpretiere die vorliegenden Quellen!

Berücksichtige hierbei insbesondere folgende Aspekte:
- Textsorte Autoren Inhalt und sein Verständnis
- Vorgeschichte und Entstehungszusammenhang (ausführlich !)
- Problematisierung unter Berücksichtigung der früheren und weiteren Entwicklung
- Wertung aus eigener Sicht

Materialien:
Material: Auszüge aus: E. Deuerlein (Hrsg.), Der Aufstieg der NSDAP in Augenzeugenberichten, München 1974, S. 342ff
1. Auszug aus einer Erklärung des Abgeordneten Gregor Strasser am 17. Oktober 1930 im Reichstag

"Lassen wir es doch, solange diese Demokratie noch besteht, beim alten System. Sehen Sie, wenn Herr Löbe heute Verschärfungen der Geschäftsordnung ankündigt von einem bisher nie dagewesenen Ausmaße, so sagen wir: Bitte sehr, wissen Sie denn, wann sich diese Maßregeln nicht gegen Sie richten werden ? Sie haben einmal das Republikschutzgesetz gemacht, und sie glaubten damit ihre Partei- und Bonzenherrschaft gesichert. Heute schon haben wir ein paar Länder in Deutschland, in denen wir das Republikschutzgesetz gegen Sie anwenden werden.Wir sind jetzt für die Verfassung, wir sind für die Demokratie Weimars, wir sind für das Republikschutzgesetz, solange es uns paßt. Und so lange werden wir jede Machtposition auf der Grundlage dieser Demokratie verlangen und erhalten, solange wir wollen. Sie haben das alles geschaffen, nicht wir, und wenn es sich heute gegen Sie wendet, dann gehen Sie nur gegen die Verfasser aus Ihren Reihen vor !"

2. Auszug aus einer Erklärung des Abgeordneten Wilhelm Hoegner am 18. Oktober 1930 im Reichstag:

"Der Abgeordnete Strasser hat gestern von einem zehnjährigen Verfolgungskampf der Demokratie gegen die Nationalsozialisten gesprochen. So liegen die Dinge nicht. Im Gegenteil ! Sie sind groß geworden, weil Sie von Anfang an von einer mißleiteten Staatsgewalt gefördert worden sind. Sie sind groß geworden, weil die deutsche Justiz, verführt durch ihre vaterländischen Töne, objektiv zu ihren Gunsten Dutzende Male das Recht gebeugt und gebrochen hat. Hätte das Münchener Volksgericht vom 1. April 1924 seine Pflicht getan, die geltenden Gesetze gegen Sie anzuwenden, dann wäre dem Deutschen Reichstag das beschämende Schauspiel vom 13. Oktober 1930 erspart geblieben. Sie sind schon so gewöhnt, von der deutschen Justiz gut behandelt zu werden, daß Ihnen das Leipziger Hochverratsurteil auf die Nerven gegangen ist. Vor mir liegt Antrag Nr. 87. Danach sollen gegen 23 Ihrer Fraktionsmitglieder über 100 Strafverfahren meist wegen Beleidigung und Pressevergehen aufgehoben werden. Entgleisungen können vorkommen, aber diese Häufung von Straftaten ist ein erschreckendes Bild des politischen Kampfes, wie er von den Nationalsozialisten geführt wird. Vor uns liegt ein Amnestieantrag der nationalsozialistischen Fraktion, der alle Straftaten aus politischen Beweggründen für straffrei erklären will. In der Tat, den Nationalsozialisten tut eine politische Amnestie bitter not ! Herr Abgeordneter Strasser hat gestern jede geistige Gemeinschaft mit dem italienischen Faschismus abgelehnt. Freilich, die deutschen Nationalsozialisten haben ihr italienisches Vorbild vielfach übertroffen. Der Verfassungsentwurf der 'nationalen' Revolution vom 9. November 1923 in München sieht vor die restlose Beseitigung der Demokratie, die Auflösung aller Parlamente, die Unterdrückung der Pressefreiheit, Auflösung der Gewerkschaften, Todesstrafe für Streik, Beseitigung der politischen Meinungsfreiheit. Nach dem § 24 dieses Entwurfs werden alle Handlungen und Unternehmungen, die geeignet sind, den Bestand der Staatsordnung zu erschüttern oder zu gefährden oder die Durchführung der Grundsätze dieser Verfassung zu verhindern oder zu erschweren mit dem Tode bestraft. Dies 'nationale' Verfassung von 1923 ist mit Blut geschrieben, in fast 40 Fällen ist Todesstrafe angedroht. ( ... ) Die Nationalsozialisten wollen auf einmal keine Faschisten sein. Was wollen Sie denn dann eigentlich ? Nach Bekundung des Herrn Otto Strasser hat Herr Hitler im Gespräch mit diesem erklärt, die Arbeiter hätten nichts als Brot und Spiele im Kopf, sie müßten deshalb von einer Herrenschicht besserer Rasse rücksichtslos beherrscht werden. Die Rechnung des Herrn Hitler ist falsch. Die deutsche Arbeiterschaft ist kein verludertes und verlottertes Lumpenproletariat wie das der römischen Kaiserzeit, das man mit Brot und Spielen füttern konnte. Nein, die deutsche Arbeiterschaft ist politisch und gewerkschaftlich ausgezeichnet organisiert und diszipliniert, sie ist von ihren alten Idealen erfüllt, unter denen sie Einfluß in Staat und Gesellschaft gewonnen hat und sie ist eisern entschlossen, das Schwergewicht ihrer politischen und gewerkschaftlichen Macht im Entscheidungskampf gegen den deutschen Faschismus in die Waagschale zu werfen !"

Hinweise:
Gregor Strasser, 1892 - 1934, seit 1921 Mitgl. der NSDAP, Teilnehmer des Putschversuchs, seit 1924 im RT, 1926-1928 Reichspropagandaleiter, anschließend Reichsorganisationsleiter der NSDAP, im Dez. 1932 Trennung von Hitler, 30. Juni 1934 ermordet.

Wilhelm Hoegner, 1887 - 1980, Jurist und Politiker (SPD), 1924-1932 MdL in Bayern, Mitberichterstatter des Untersuchungsausschusses des Landtags über den NSDAP-Putschversuch 1923, 1930 MdR, 1933 Flucht und Exil, nach '45 bayerischer Landespolitiker, u.a. Ministerpräsident.
Paul Löbe - Reichstagspräsident, SPD-Abg.
Republikschutzgesetz - 1922 nach der Ermordung von Walther Rathenau erlassen zum Schutz der demokratischen Republik.
Münchener Volksgerichtsurteil 1.4. 1924 - Urteil gegen Hitler
13. Oktober 1930 - Eröffnungssitzung des neugewählten Reichstags.
Leipziger Hochverratsurteil - 23.9. bis 7. 10. 1930 Hauptverhandlung vor dem Reichsgericht in Leipzig gegen Ulmer Reichswehroffiziere wegen ihrer Kontakte zur NSDAP. Solche Kontakte waren durch Erlaß des Reichswehrministers von 1923 verboten.
italienische Faschismus - rechtsextreme Bewegung in Italien unter Führung von Benito Mussolini, errang in den Tagen des Marsches auf Rom an die Macht, 1922 wurde Mussolini Ministerpräsident.
Otto Strasser - Bruder von Gregor Strasser, ebenfalls führender NSDAP-Funktionär, im Mai 1930 im Zwist mit Hitler aus der NSDAP ausgetreten.

Lösung:
TextsorteBei den vorliegenden Quellen handelt es sich um zwei Redeauszüge. Die Reden wurden im Reichstag gehalten, d.h. die Redner richten sich bewußt an eine größere Öffentlichkeit. Schließlich wurde in der Presse regelmäßig aus den Reichstagssitzungen berichtet. Insofern kann man davon ausgehen, daß die Inhalte sehr gezielt und bewußt ausgewählt wurden, um öffentliche Wirkung zu erzielen.

AutorenGregor Strasser, 1892-1934, Führer des sozialrevolutionären Flügels der NSDAP, einerseits langjähriger Mitarbeiter, andererseits Hitlers stärkster innerparteilicher Konkurrent, seit 1924 im RT, 1926-1928 Reichspropagandaleiter, anschließend Reichsorganisationsleiter der NSDAP, im Dez. 1932 Trennung von Hitler, im sog. Röhmputsch Juni 1934 ermordet

Wilhelm Hoegner, 1887 - 1980, Jurist und Politiker (SPD), 1924-1932 MdL in Bayern, Mitberichterstatter des Untersuchungsausschusses des Landtags über den NSDAP-Putschversuch 1923, 1932 MdR, den Nazis besonders verhaßt, 10.3.33 Haftbefehl gegen ihn, Flucht und Exil, nach '45 bayerischer Landespolitiker, Ministerpräsident und div. Ministerien

Entstehungszu-
sammenhang Beide Reden stammen aus der ersten Sitzungsperiode des Reichstags nach der Septemberwahl 1930, in der die Nationalsozialisten einen überraschenden Wahlsieg errungen und sich von 12 auf 107 Mandate gesteigert hatten. Sie waren somit zur zweitstärksten Partei im Parlament geworden. Die Wahl markiert den Beginn des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs der nunmehr Massenbewegung gewordenen NSDAP. Der Reichstag hatte sich am 13. Oktober konstituiert, die reden stammen also aus den ersten Sitzungstagen, in denen die neue parlamentarische Situation erst ausgelotet werden mußte.
Vorgeschichte(Hier war Entstehung und Entwicklung der NSDAP bis 1930 ausführlich im historischen Kontext darzustellen.)
InhaltDer NSDAP Abgeordnete Strasser äußert sich in seiner Rede vom 17. Oktober triumphierend über den Erfolg der NSDAP, die sich trotz aller Versuche ihrer Gegner, sie klein zu halten, so stark entwickelt hat. Er attackiert den Reichstagspräsidenten Löbe und bedeutet ihm, daß die angekündigten Geschäftsordnungsverschärfungen die NSDAP nicht aufhalten werden. Dies zeigt seiner Meinung nach schon der Fehlschlag des Republikschutzgesetzes. Solche Maßnahme gegen die Nationalsozialisten werden sich irgendwann gegen ihre Urheber selbst richten, können aber die NSDAP nicht aufhalten. Solange die NSDAP sich innerhalb der bestehenden Demokratie entwickeln und immer weitere Machtpositionen erobern kann, sind die Nat.-Sozialisten für die Verfassung und für die Demokratie.

Der SPD Abgeordnete Hoegner geht am nächsten Tag auf den Redebeitrag Strassers ein. Er widerspricht der Behauptung, daß die NSDAP 10 Jahre lang von der Demokratie verfolgt worden sei. Vielmehr sei sie von Anfang an von einer "mißgeleiteten Staatsgewalt gefördert worden". Die Justiz habe sich in vielen Fällen von den vaterländischen Tönen der NSDAP verführen lassen, das Recht nicht korrekt anzuwenden. Weil man nicht konsequent gegen die Nazis vorgegangen sei - Hoegner erinnert an das Urteil des Münchener Volksgerichts gegen den Putschisten Hitler vom 1. April 1924 - so wären die Nationalsozialisten seiner Meinung nach nie so stark geworden. Erst das Leipziger Hochverratsurteil gegen die Ulmer Reichswehroffiziere von Anfang Oktober habe den Nazis Schranken aufgezeigt und sie daher "nervös" gemacht. Hoegner zeigt sich empört über den politischen Kampf, wie er von den Nazis geführt wird und dessen Folgen - über 100 Strafverfahren gegen 23 Mitglieder der NSDAP-Fraktion - sie jetzt mit einer Amnestie entschärfen wollen. Um zu zeigen, daß die Nazis - entgegen ihren Äußerungen - in den italienischen Faschisten ihr Vorbild sehen und diese bereits weit übertroffen haben, stellt er Aspekte eines "Verfassungsentwurfes der Nazis aus dem Putschversuch vom 9. November 1923 vor, der in seinen Augen "mit Blut geschrieben" worden ist. Hoegner greift dann Hitler direkt an wegen eines Zitates über die deutschen Arbeiter. Er nimmt die Arbeiterschaft gegen Hitler in Schutz und macht deutlich, daß die in SPD und Gewerkschaften organisierte Arbeiterschaft ihre gesamte Macht im Kampf gegen den deutschen Faschismus, also die Nationalsozialisten, aufbieten werden.

ProblematisierungDie Aussagen Strassers verweisen auf das Verhältnis der nationalsozialistischen Bewegung zur Legalität: Sie unterschieden feinsinnig zwischen "Legalität des Weges" und "Legalität des Zieles" (vgl. Hitler vor dem Reichsgericht 1930). Damit ist - wie von Strasser selbst ja thematisiert - die Frage des Schutzes einer Demokratie vor den Feinden der Demokratie zu stellen. Die Weimarer Republik erwies sich als unfähig, sich vor solchen Kräften wie den Nationalsozialisten zu schützen, obwohl diese lauthals ihre Staatsgegnerschaft verkündeten und praktizierten (Putschversuch München, politische Kriminalität). Dies war nur deshalb denkbar, weil zu viele (konservative) Funktionsträger ebenfalls die Weimarer Republik ablehnten.

Die Äußerungen Hoegners dagegen sind zwar von klarer Ablehnung der Nazis und Treue zur Republik geprägt, allerdings erweisen sich seine Aussagen über die Organisation und Kampfentschlossenheit der deutschen Arbeiterschaft als eine Fehleinschätzung. Nur 2 œ Jahre später zeigen sich SPD und Gewerkschaften als 'Kolosse auf tönernen Füßen', sie haben den Nazis nichts entgegenzusetzen.

eigene WertungOffensichtlich haben die demokratischen Kräfte die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Der enorme Wahlerfolg der Nazis, gekoppelt mit ihrer brutalen Vorgehensweise (politische Straftaten), die völligen Mißachtung rechtsstaatlichen Verhaltens und ihr deutlich werdender Opportunismus hätten erkennen lassen müssen, daß jetzt der letzte Zeitpunkt für Abwehrmaßnahmen gegen die Nazis gekommen war. Statt mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Kampf gegen den Nationalsozialismus aufzunehmen, wird so weitergemacht wie vorher, mit Debatten im Parlament.

Über die Stärke der eigenen Seite gibt Hoegner sich Illusionen hin. Zwar war die Arbeiterschaft kein "Lumpenproletariat", aber sie war auch nicht "ausgezeichnet organisiert", sondern in sich tief gespalten (Sozialisten - Kommunisten) und aufgrund der ökonomischen Krise nur bedingt handlungsfähig.
Inhalt
Geschichtsklausur über die Reichstagsreden von Strasser und Hoegner (Quellenanalyse) (1712 Wörter)
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Schlagwörter
Geschichtsklausur | Klassenarbeit | Quellenanalyse | Reichtstagsreden von Strasser und Hoegner | Högner | Krise | Des | Weimarer | Republik | Verfassung
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