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Joseph Roth: Hiob - Analyse und Charakterisierung Mendel und Deborah Singer

Alles zu Joseph Roth  - Hiob

Joseph Roth: Hiob - Analyse eines literarischen Textes mit weiterführender Aufgabenstellung



Text: Joseph Roth: "Hiob", S. 69, Z. 31 - S. 72, Z. 7
Aufgabe 1):
Analysieren Sie die gegebene Textstelle im Hinblick auf Inhalt und Erzählweise (Erzähltechnik, Sprache). Machen Sie hierbei auch die Haltung des Erzählers zum Erzählten deutlich.

Aufgabe 2):

Stellen Sie, ausgehend von der gegebenen Textstelle, grundlegende Charakterzüge von Mendel und Deborah Singer heraus. Führen Sie Textstellen aus dem gesamten Roman als Belege für Ihre Aussagen an.

Lösungen:



Aufgabe 1)
Der Roman "Hiob", geschrieben von Joseph Roth, wurde im Jahr 1930 veröffentlicht. Er beschreibt die Geschichte des einfachen Juden Mendel Singer, der - wie Hiob aus dem Alten Testament - viele Schicksalsschläge erleidet, bis er beinahe seinen Gottesglauben verliert.

In dem vorliegenden Textauszug trifft Kapturak bei den Singers ein und sagt ihnen, dass die Papiere für die Abreise nach Amerika bereit seien, die Mendel Singer zuvor beantragt hat. Nun diskutieren Mendel und Deborah darüber, ob sie Menuchim einfach so zurücklassen können. Deborah hofft noch auf ein Wunder, welches Menuchim heilt, doch Mendel glaubt nicht daran und ist der Meinung, dass falls doch eins geschehe, Menuchim ihnen später immer noch folgen könne.
Der Textauszug beginnt mit einem Erzählerbericht, in welchem von der Ankunft Kapturaks bei den Singers berichtet wird (vgl. S. 69, Z. 31-33).
Außerdem gibt der Erzähler in indirekter Rede wieder, dass Kapturak die Papiere bereit habe ("Er berichtete, dass die Papiere bereit waren", S. 70, Z. 1).

Dann folgt ein weiterer Erzählerbericht, indem beschrieben wird, wie Deborah das Geld für Kapturak aus der "Rumpelkammer" herausholt (vgl. S. 70, Z. 7-11) und was die Leute aus der Stadt über die Singers sagen (vgl. S. 70, Z. 17f).
Daraufhin folgt ein Gespräch zwischen Mendel und Deborah in direkter Rede. Mendel schlägt vor, Menuchim bei Familie Billes zu lassen und ihnen als Gegenleistung kostenlos ihr Haus zur Verfügung zu stellen (vgl. S. 70, Z. 24-29). Doch Deborah möchte sich noch nicht festlegen und hofft weiterhin auf ein Wunder ("Ist es schon für dich eine ausgemachte Sache, dass Menuchim zurückbleibt? [...] bis dahin tut Gott bestimmt ein Wunder", S. 70, Z. 30-32).

"Wenn Gott ein Wunder tun will [...], wird er es dich nicht vorher wissen lassen." Hier wird nicht nur Mendels und Deborahs Meinungsverschiedenheit bezüglich der Abreise deutlich, sondern auch ihre unterschiedliche Einstellung Religion betreffend, da Mendel glaubt, dass alles von Gott bestimmt wird.
Mendel erläutert ebenso das Dilemma, in dem sie sich befinden: Bleiben sie in Zuchnow, geht Mirjam weiterhin mit Kosaken aus, was gegen die jüdische Tradition ist. Fahren sie nach Amerika, so müssen sie Menuchim zurücklassen (vgl. S. 70, Z. 34-36) und das Gegenteil von dem tun, was der Rabbi ihnen geraten hat: Immer bei Menuchim bleiben, weil er dann irgendwann geheilt werde.

Nachdem Mendel sagt, Menuchim könne ihnen folgen, wenn er gesund ist (vgl. S. 71, Z. 2f), erinnert Deborah sich an den Rat des Rabbis. Hierfür verwendet der Erzähler die erlebte Rede, welche dem Leser Deborahs Gefühlsleben näherbringt (vgl. S. 71, Z. 5-18): Seit Menuchims Geburt hatte die Familie nur Kummer und Sorgen und Deborah hatte stets auf ein Wunder gehofft. "Die Toten im Jenseits halfen nicht, der Rabbi half nicht, Gott wollte nicht helfen" (S. 71, Z. 9f). Hier wird deutlich, dass Deborah nun doch versucht, ihr Schicksal anzunehmen und sich nicht mehr auf die Hilfe von Gott verlässt, während Mendel schon vorher der Meinung war, dass das Schicksal gottgegeben ist und man sich ihm nicht entziehen kann.

Hinzu kommt, dass der Erzähler für diese erlebte Rede eine sehr bildhafte Sprache verwendet, welche auch wiederum die Gefühle, insbesondere die Verzweiflung Deborahs, ausdrückt ("Meer von Tränen", S. 71, Z. 10; "Nacht war in ihrem Herzen", S. 71, Z. 10f).
Neben den vielen Metaphern findet man z.B. auch das Paradoxon "alle Feiertage [waren] Trauertage". Der tiefe Schmerz Deborahs bzw. der Familie wird hier besonders deutlich.

Komplett verliert Deborah ihre Hoffnung jedoch nicht ("Die Hoffnung allein wollte nicht sterben", S. 71, Z. 15) und beruhigt sich damit, dass die Nachbarn nur deshalb nicht an Wunder glauben, weil ihnen noch kein Unglück zugestoßen ist (vgl. S. 71, Z. 15-18).
Auf diesen Abschnitt folgt ein Teil, bei dem unklar bleibt, ob er ebenfalls aus Deborahs Sicht geschildert wird oder ob der Erzähler hier kommentiert. Wäre Letzeres der Fall, so könnte man davon ausgehen, dass auch er, wie Mendel, nicht an Wunder glaubt, denn der Abschnitt beginnt mit: "Auch wer Unglück hat, glaubt nicht an Wunder" (S. 71, Z. 19), was auf den ersten Blick in Kontrast zu Deborahs Behauptung zu stehen scheint.
An den rhetorischen Fragen, die jedoch die Existenz von Wundern affirmieren (vgl. S. 71, Z. 21ff), kann man die Unsicherheit Deborahs bzw. des Erzählers in Bezug auf den Glauben an Wunder erkennen.
Im Folgenden setzen Deborah und Mendel ihr Gespräch fort. Auch hier wird wieder von der direkten Rede Gebrauch gemacht.
Zum erneuten Male wird Mendels religiöse Einstellung sichtbar: "Kein Jude braucht einen Vermittler zum Herrn" (S. 71, Z. 37). Er sagt, dass Gott den Menschen straft, der Unrechtes tue (vgl. S. 72, Z. 1f), was bei Deborah die Frage aufwirft, was sie Unrechtes getan haben, wofür Gott sie straft (vgl. S. 72, Z. 3f). Eine mögliche Deutung hierfür wäre, dass sie also die Geburt Menuchims bzw. seine Krankheit als eine Strafe ansehen.

Am Ende des Textauszuges gehen Mendel und Deborah auseinander, da Mendel die zweifelnde Einstellung seiner Frau nicht nachvollziehen kann und deswegen nicht mehr mit ihr reden möchte ("Deborah, lass mich in Ruh', ich kann nicht länger mit dir reden", S. 72, Z. 5f). Besonders deutlich wird hier ihr Ehekonflikt, welcher unter anderem auf misslungener Kommunikation und den Unterschieden bezüglich ihres Glaubens basiert.

Die Sprache, die der Erzähler in dem vorliegenden Textausschnitt verwendet, ist, wie im gesamten Roman, sehr einfach und direkt, weshalb der Leser schnell einen Zugang zum Text findet. Dies erreicht der Erzähler auch durch viele Parataxen ("In der Tat begann bereits die Reise Mendel Singers nach Amerika. Alle Leute gaben ihm Ratschläge gegen die Seekrankheit", S. 70, Z. 19f).

Die Geschichte wird außerdem in der Er-/Sie-Form erzählt, welche es dem Erzähler einfacher macht, aus den verschiedenen Perspektiven der Personen zu berichten und zwischen ihnen hin- und herzuwechseln.
Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass der Erzähler mehrmals zwischen verschiedenen Perspektiven wechselt und besonders dann, wenn er das Innenleben einer Person verdeutlichen möchte, die erlebte Rede verwendet.
Die Haltung des Erzählers kommt nur bedingt zum Vorschein, jedoch kann man davon ausgehen, dass auch er an Wundern zweifelt.
Außerdem werden die religiösen Unterschiede zwischen Mendel und Deborah zum Vorschein gebracht.
Der Textauszug ist insofern für die weitere Handlung wichtig, weil er eine Art "innere Vorbereitung" auf die Abreise und auf den Abschied darstellt.

Aufgabe 2)
In dem Textauszug von Seite 69, Zeile 31 bis Seite 72, Zeile 7 aus Joseph Roths Roman "Hiob" werden vor allem die religiösen Ansichten Deborahs und Mendels deutlich.

Mendel ist duldsam und nimmt das Schicksal auf sich, was ihn ereilt. Er ist sich sicher, dass Gott alles bestimmt und dass es für jedes Unglück eine Rechtfertigung Gottes gibt: "Er erhört unsere Gebete, wenn wir nichts Unrechtes tun. Wenn wir aber Unrechtes tun, kann er uns strafen" (S. 71, Z. 37 - S. 72, Z. 2).
Außerdem hält er nichts von dem Wunderrabbi, den Deborah um Rat gefragt hat, da er der Meinung ist, dass ein Jude keinen Vermittler zu Gott brauche (vgl. S. 71, Z. 36f). Dies wird dadurch unterstützt, dass er über den Glauben seiner Frau an den Rabbi lächelt, nachdem sie von ihm zurückgekehrt ist (vgl. S. 15, Z. 17f).
Er verhält sich also wie ein typisch orthodoxer Jude: passiv, gläubig, gottesfürchtig (vgl. S. 5, Z. 4).
Mendel lebt ein einfaches Leben und betet oft. Er bevorzugt die Routine und Alltäglichkeit, weswegen ihm Veränderungen in seinem Leben schwerfallen, was man z.B. daran erkennen kann, dass er kurz nach seiner Ankunft in Amerika in Ohnmacht fällt, überwältigt von den vielen neuen Eindrücken: "Amerika drang auf ihn ein, Amerika zerbrach ihn, Amerika zerschmetterte ihn. Nach einigen Minuten wurde er ohnmächtig" (S. 87, Z. 22-24). Der anaphorische und parataktische Satzbau an dieser Stelle wirkt beinahe hyperbolisch und gibt dadurch auch dem Leser einen Eindruck von Mendels Überwältigung.

Durch die schweren Schicksalsschläge, die er erleidet ("Deborah gestorben, Sam gefallen, Mirjam verrückt und Jonas verschollen", S. 114, Z. 33f), verliert er sogar fast seinen Glauben an Gott, den er jedoch wiedererlangt, als der geheilte Menuchim ihn besucht.
Deswegen kann man sagen, dass Mendel den "modernen Hiob" darstellt, indem er alles verliert, am Ende aber alles Schöne doppelt und dreifach wiederbekommt. Menuchims Heilung ist für ihn deshalb so schön, weil er die Hoffnung daran schon aufgegeben hat und vereinsamt, obwohl seine Freunde ihn bei sich aufgenommen haben.

Deborah steht im Kontrast zu Mendel, denn sie ist tatkräftig und handelt aktiv, nachdem Menuchim krank zur Welt kommt. Sie geht mit ihm zu einem Wunderrabbi, da sie sich von ihm Hilfe erhofft (vgl. S. 11, Z. 21-23).
Dem vorliegenden Textausschnitt kann man entnehmen, dass Deborah Menuchim sehr liebt, da sie sich große Sorgen um ihn macht ("Kummer in jeder Freude", S. 71, Z. 11) und ihn nicht zurücklassen möchte (vgl. S. 70, Z. 30f). Ihre enge Bindung zu ihm kann man außerdem erkennen, als sie die anderen Kinder vernachlässigt (vgl. S. 21, Z. 9f).

Des Weiteren wird deutlich, dass Deborah großen Wert auf Geld legt ("Man war bereit, tausend Rubel dafür zu zahlen, eine Summe, für die Deborah fünf Jahre ihres Lebens gegeben hätte", S. 70, Z. 22f). Da Mendel jedoch nur ein einfacher Lehrer ist und nicht viel verdient, ist sie unzufrieden: Unzufrieden mit ihm und mit ihrem Lebensstandard (vgl. S. 6, Z. 26-18).

Abschließend lässt sich also sagen, dass Deborah und Mendel viele unterschiedliche und sogar gegensätzliche Charakterzüge besitzen. Vor allem aber unterscheiden sie sich darin, dass Mendel passiv und Deborah aktiv ist. Dies könnte einer der Gründe sein, wieso ihr Verhältnis so schlecht ist.

Note: 2
Inhalt
Joseph Roth: "Hiob" - Analyse eines literarischen Textes mit weiterführender Aufgabenstellung

Schwerpunkte: Erzählweise, Charakterzüge Mendels und Deborahs

Textauszug: S. 69, Z. 31 - S. 72, Z. 7 (1700 Wörter)
Hochgeladen
12.04.2013 von Larifee
Schlagwörter
Joseph Roth | Hiob | Mendel Singer | Deborah Singer | Charakterisierung und Verhältnis der Familienmitglieder zueinander.
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