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Kommunikationsanalyse eines Kurzdialogs mithilfe des Kommunikationsmodells von Thun (Klausur)

Alles zu Friedemann Schulz von Thun

Kommunikationsanalyse mit dem Kommunikationsmodell von Friedemann Schulz von Thun


Er: "Was ist das Grüne in der Soße?"
Sie: "Mein Gott, wenn es Dir hier nicht schmeckt, kannst du ja woanders essen gehen!"


Aufgaben:

1) Analysieren Sie den Dialog (Sender - Empfänger, Empfänger - Sender) mithilfe des Modells von Friedemann Schulz von Thun (60%).
2) Legen Sie an dem vorliegenden Beispiel dar, welche Aspekte nicht analysiert werden können. (40%)

Im vorliegenden Dialog, in dem sich ein Ehepaar beim Mittagessen befindet, fragt der Mann seine Frau, was denn das Grüne in der Soße sei, worauf diese ihm antwortet, wenn es ihm bei ihr nicht schmecke, könne er ja woanders essen gehen. Die folgende Analyse erfolgt mithilfe des Vier-Seiten-Modells von Friedemann Schulz von Thun.

Bei der Nachricht des Mannes ist er der Sender, da sie von ihm ausgeht, seine Frau ist Empfängerin. Die Nachricht setzt sich, wie nach von Thun jede Nachricht, aus vier Aspekten zusammen, nämlich aus Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell. Der Sachinhalt bei der Botschaft des Mannes, also das, worüber er informiert, ist, dass sich etwas Grünes in der Soße befindet und er gerne erfahren würde, was dieses genau ist. Damit offenbart er, dass er entweder seht interessiert an der Soße ist und deshalb wissen möchte, was sich denn genau darin befindet (vielleicht möchte er seiner Frau eine Freude machen und für sie kochen), oder, wahrscheinlicher, nicht darauf vertraut, dass das "Grüne" schon irgendwie gut schmecken und ihm gut bekommen wird, sondern dass er zuerst wissen möchte, was es genau ist (möglicherweise würde er feststellen, dass er es nicht mag, z.B. Rosenkohl o.Ä., und es nicht essen). Er offenbart also ein gewisses Misstrauen gegenüber der Soße und damit implizit auch den Kochkünsten seiner Frau, oder er verlässt sich zumindest nicht mehr blind darauf und lässt die Frau "ihre" Arbeit machen, sondern hakt kritisch nach, wenn ihm etwas befremdlich vorkommt.

Dies wiederum verrät über den Beziehungsaspekt, dass sich das Ehepaar nicht mehr, wie vielleicht vorher einmal, blind vertraut, sondern den anderen mit Dingen, die ihm nicht passen, konfrontiert, also den Streit bzw. die Auseinandersetzung nicht mehr so sehr scheut. Der Ehemann sendet seiner Frau also die Botschaft aus, er vertraue ihr nicht mehr komplett, er akzeptiere nicht mehr alles, was er von ihr bekommt, er scheue sich nicht mehr, eventuelle implizite Kritik zurückzuhalten (er hätte ja das "Grüne" auch einfach ohne genaueres Wissen darüber essen können). Der Appell, das Signal an seine Frau, also dass, wozu er sie veranlassen möchte, könnte der Wunsch nach mehr gemeinsamen Gesprächen sein ("Ich will, dass du mehr mit mir redest, mich über die Dinge aufklärst, die mir unklar sind!"), denn er könnte so einerseits versucht haben wollen, ein Gespräch zu beginnen (was ihm misslungen ist), oder auch schlichtweg erreicht haben wollen, dass sie das "Grüne" künftig aus der Soße rauslässt.

Die Frau fasst dies aber als generelle Kritik an ihren Kochkünsten auf, der Appell könnte also auch weiter reichen: "Es schmeckt mir hier im Moment nicht. Koch (wieder) besser!". Der zumindest angedeutete Zweifel an ihren Kochkünsten durch den Mann veranlasst sie zu einer recht harschen Reaktion, denn Kochen ist vermutlich ihre "heilige Kuh". SO entgegnet sie ihm: "Mein Gott, wenn es Dir hier nicht schmeckt, kannst du ja auch woanders essen gehen!".

Der Sachinhalt, also das, worüber sie informiert, ist, dass wenn ihm ihr Essen nicht munde, er woanders essen solle. Er habe also die Wahl zwischen ihrem und anderem Essen und solle sich gefälligst für ihr Essen entscheiden. Sie offenbart damit, dass sie sich durch die Äußerung des Mannes verletzt fühlt (daher die harsche Antwort) und sich generell in ihren Kochkünsten, aber auch persönlich (denn Kochen ist ja ihre "heilige Kuh") herabgesetzt fühlt.

Das sieht man daran, dass ihre Antwort nicht auf das "Grüne" in der Soße beschränkt bleibt, sondern auf das Essen bei dem Ehepaar allgemein bezogen ist. Auf der Beziehungsseite teilt sie ihm mit, dass sie sich von ihm keine Ratschläge erteilen lassen möchte, sondern dass er sich, zumindest beim Essen (ihre Domäne), gefälligst fügen soll, daher stellt sie ihn vor die Wahl, bei ihr zu essen, oder woanders hinzugehen. Diese starke Distanzierung von ihrem Ehemann ("Du kannst ruhig gehen!") offenbart ihr hohes Erregungsniveau.

Die Ehe ist offenbar nicht mehr so glücklich, sonst würde die Frau den Mann nicht wegen etwas Grünem in der Soße bzw. verstecktem Zweifel an ihren Kochkünsten indirekt die Möglichkeit aufzeigen, sie zu verlassen (wenn auch nur bezüglich des Essens). Das Essen kann hier jedoch als Metapher für die Beziehung gesehen werden, da es wohl sehr wichtig ist und vermutlich einen der weniger werdenden, bleibenden Redeanlässe darstellt. Sie sendet damit also aus, dass sie nicht mehr so glücklich mit ihm ist, keine Kritik oder Zweifel von ihm hören möchte und dass sie die Stärkere von beiden ist, da sie zur Not auch ohne ihn auskäme (auch wenn sie die Unsouveräne ist und die Fassung verliert, also ein Widerspruch zwischen Intention und Umsetzung ihrer Aussage) und die Option einer Trennung (zumindest mittagessentechnischer Art) daher aufzeigt.

Sie wechselt aus der Position der Unterlegenen (an der Kritik geübt wird) in die Position der Überlegenen (die noch stärkere Kritik entgegnet). Damit offenbart sie ihr Bedürfnis nach Anerkennung. Als Appell, Signal an ihren Mann sendet sie aus, dass sie sich von ihm nicht mehr wertgeschätzt fühlt und mehr Anerkennung und Lob von ihm erwartet. Außerdem signalisiert sie ihm Unzufriedenheit und die Erwartung, er solle ihren gekränkten Hausfrauenstolz und auch gleich die Ehe in Ordnung bringen, denn er hat ja mit der Kritik/dem Zweifeln begonnen. Er soll sich klar zu ihr bekennen, auch wenn sie das nur bezogen auf das Essen sagt.

Schließlich kann man konstatieren, dass der Mann unbewusst die Mängel der Ehe aufzeigt, da er die Frau zu so einer Reaktion bringt die diese Mängel offenbart, auch wenn er selbst nur das Essen im Auge hatte. Wie bei Loriots "Das Ei" äußert sich der Mann auf der sachlichen, inhaltlichen Ebene, während die Frau sich dadurch persönlich emotional angegriffen fühlt. Dies ist jedoch nicht nur negativ zu sehen, da sich das Ehepaar nun über ihre defizitäre Ehe klarwerden, sich gemeinsam aussprechen und so zu einer glücklicheren Ehe kommen könnte, aber nur, wenn der Mann seiner Frau nichts mehr entgegnet, und so den schwelenden Streit herunterkocht, anstatt die Lage eskalieren zu lassen.

2)
Mit dem Vier-Seiten-Modell einer Nachricht von Friedemann Schulz von Thun kann man zunächst einmal nur Schriftsprache analysieren, d.h. sämtliche paraverbalen Arten der Kommunikation ("Man kann nicht nicht kommunizieren", Paul Watzlawick), die unter Umständen sehr wichtig sein können (sie können über Erfolg oder Misserfolg eines Gesprächs/ z.B. ob eine Situation "kippt", entscheiden), nicht berücksichtigt werden, so z.B. Tonfall, Betonung, Gestik, Mimik, usw. So ist im vorliegenden Dialog der Tonfall des Mannes entscheidend dafür, wie die Frau seine Nachricht auffasst und dafür, wie sie reagiert. Der Tonfall macht also die Musik. So könnte er auch nur ganz freundlich gefragt haben, da er nur bestimmte (unangenehme) Möglichkeiten dafür, was das "Grüne" denn tatsächlich ist, ausschließen wollte. In diesem Fall wäre die Reaktion der Frau maßlos überzogen.

Andernfalls könnte der Mann auch demonstrativ angewidert gefragt oder die Frage brüllend vorgetragen haben. So entscheidet z.B. wie in dieser Gesprächssituation der Tonfall darüber, wie die immer gleiche Botschaft ankommen kann, also welche der zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten vom Rezipienten gewählt wird, und damit auch über seine Reaktion. Diese Interpretationsmöglichkeiten können z.T. erheblich variieren.

Auch wird bei von Thuns Modell der situative Kontext nicht berücksichtigt, man weiß im Grunde nichts über die Qualität der Ehe (in der vorliegenden Situation), und kann dementsprechend nur mithilfe des Dialogs darüber spekulieren. (z.B. hätte die Frau auch einfach schlechte Laune haben können und die Ehe sonst ganz wundervoll sein können...)

Zudem ist das Modell sehr unflexibel und kleinschrittig, was bei dem vorliegenden Dialog nicht unbedingt von Nachteil ist, jedoch bei längeren Dialogen impraktikabel (da zeitaufwendig) ist, man kann so schnell das "große Ganze" aus den Augen und sich stattdessen in Details verlieren.
Inhalt
Zweistündige Deutschklausur, Grundkurs, Klasse 11, Note: 14/12 Punkte; 1. Aufgabe: Analyse des Kurzdialogs mithilfe des Vier-Seiten-Modells einer Nachricht von Friedemann Schulz von Thun; 2. Aufgabe: Defizite von Kommunikationsmodellen im Allgemeinen am vorliegenden Dialog aufzeigen. (1435 Wörter)
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14.02.2013 von Pilzo
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